Der Herr der kleinen Vögel
"Der Herr der kleinen Vögel", japanisch "kotori", verdankt seinen Namen der hingebungsvollen Art, mit der er sich um die Voliere des örtlichen Kindergartens kümmert. Seine besondere Beziehung zu Vögeln hat er von seinem geistig zurückgebliebenen
Bruder übernommen, mit dem er jahrzehntelang ein routiniertes und auf bescheidene Weise glückliches Leben führt. Nach dessen Tod sucht der Herr der kleinen Vögel Trost in der Voliere und leiht ausschließlich Bücher über Vögel aus der Bibliothek aus, wo er für kurze Zeit neuen menschlichen Kontakt findet. Als eines Tages ein Kind von einem älteren Mann entführt und missbraucht wird, verbietet man dem Herrn der kleinen Vögel die Reinigung der Voliere und die zweite Bedeutung von "kotori", "Kinderfänger", bestimmt fortan die Wahrnehmung der Mitmenschen. In seiner zurückgezogenen Art erträgt der Herr der kleinen Vögel auch diese Entwicklung, bis ihm kurz vor seinem Tod die Pflege eines verletzten Vogeljungen noch einmal Freude spendet. - Auf ca. 270 Seiten erfasst die japanische Autorin ein ganzes Leben, arbeitet kunstvoll bedeutsame Symbole, Orte, Rituale aus, die sowohl die ruhige Konstanz des Alltags als auch die Tragweite von Veränderungen transportieren. Obwohl man den Namen des Protagonisten nicht erfährt, gelingt es dem Roman doch, einen intensiven Einblick in seine Lebenswirklichkeit zu gewähren. Eine erzählerische und inhaltliche Bereicherung für viele Bestände, sehr zu empfehlen. (Übers.: Sabine Mangold)
Marlene Knörr
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der Herr der kleinen Vögel
Yoko Ogawa
Liebeskind (2015)
270 S.
fest geb.