"Das Schlimmste aber war der Judenstern"
"Ich will noch lernen, verstehen, mit der Vergangenheit zurechtkommen. Mit meiner Vergangenheit". Dieses Bekenntnis von Helen Waldstein Wilkes zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Lebenserinnerungen, in denen sie in unbekannte Räume ihrer Familiengeschichte
vorstößt. Geboren 1936 in Budweis/Tschechien als Kind einer verzweigten, liberal-jüdischen Familie, kann sie - im Unterschied zum Großteil ihrer Verwandten - als Dreijährige mit ihren Eltern nach Kanada emigrieren und dort trotz Vorurteilen und Diskriminierung eine neue Heimat finden. Nach dem Tod ihres Vaters entdeckt sie Jahre später Briefe ihrer Großeltern, Onkel und Tanten, die bis zum März 1941 über das Geschehen daheim berichten, politische Maßnahmen (Verfolgung, Deportation, Krieg) fast völlig ausklammern, aber ausführlich familiäre Belange schildern. Aufgrund dieser Lektüre, v.a. durch das abrupte Ausbleiben der Briefe, fühlt sich die Autorin verpflichtet, unbekannte Hintergründe aufzudecken bzw. Antworten auf bisher vermiedene Fragen zu finden. Intensiv versucht sie, die Jahre der Verfolgung - fast alle Familienmitglieder wurden von den Nazis ermordet - zu durchleuchten, das Verhalten ehemaliger Nachbarn zu begreifen und scheut sich auch nicht, ihr eigenes jahrelanges Desinteresse zu hinterfragen. - Ein sehr persönliches Buch, das auf gut versteh- und lesbare Art die Gefühlslage einer Holocaust-Überlebenden der zweiten Generation wiedergibt.
Inge Hagen
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
"Das Schlimmste aber war der Judenstern"
Helen Waldstein Wilkes
Osburg (2014)
280 S. : Ill.
fest geb.