Cold war, hot autumn
Najet Adouani wächst in Tunesien auf. In ihrem Tagebuch schreibt sie auf, wie sie als Mädchen und junge Frau rundum glücklich, aber auch schon unangepasst, in der patriarchalischen Gesellschaft aufgewachsen ist. Sie setzt sich für soziale Gerechtigkeit,
Demokratie und Frauenrechte ein. Jetzt, wo sie im Asyl in Berlin lebt, denkt sie in rührender Weise an ihre Mutter, die ihr Lieder vorsingt, die tagein, tagaus arbeitet, während sich der Vater typischerweise in der Bar vergnügt und abends seine Frau schlägt. Eine Ehe in Tunesien ist Sklaverei. Das Land ist „krank“, es tut ihr leid. „Dein Los ist es zu leiden – unter Lasterhaftigkeit der Verräter und unter dem Schweigen deines feigen und unterwürfigen Volkes, das sich für tapfer hält.“ Hier im Berliner Exil geht es ihr auch nicht gut. Sie sieht um sich herum in Kreuzberg einsame, arme, verwahrloste, gelangweilte und drogenabhängige Menschen, erlebt aber auch unerwartete Momente der Schönheit und des Staunens. Für sie selber sind die Tage still, die Nächte dagegen erfüllt von Schreien, „die aufsteigen vom Abgrund furchterregender Albträume, die sich weder durch Medikamente noch mit Entspannungstees vertreiben lassen.“ Hervorzuheben ist ihre Freude am Lesen. Bücher sind für sie „Brücken der Hoffnung“, „Quelle des Optimismus“. Und: Schreiben ist ihr heilig. – Die Tagebucheinträge stehen stellvertretend für viele Menschen, die im Exil leben.
Berthold Schäffner
rezensiert für den Borromäusverein.
Cold war, hot autumn
Najet Adouani ; aus dem Englischen von Christa Schuenke
sujet verlag (2025)
525 Seiten
fest geb.