Wie ich ein grauer Hund wurde

Schon in der frühen Kindheit taucht sie auf, die besserwisserische, missgünstige Figur, die dem grauen Hund (bis auf die Farbe) wie ein Zwilling gleicht. Im Kindergarten und in der Schule verstärkt diese Figur die Mobbing-Attacken der anderen, was Wie ich ein grauer Hund wurde sich im Erwachsenenalter verstetigt. Der graue und der rote Hund sind in einem immerwährenden Dialog miteinander verbunden. Jeder Versuch des grauen Hundes, Selbstbewusstsein und Autonomie zu erlangen, wird im Keim erstickt. Der rote Hund macht dem grauen das Leben zur Hölle, er treibt ihn in eine tiefe, ausweglose Depression. – Bei der Lektüre dieser Graphic Novel (dem Debüt der Autorin) erlebt man den ungleichen Kampf einer schizophrenen Figur, deren böses "Ich" die Situationen stets eskalieren lässt. Die Episoden reihen sich aneinander, eine Geschichte entwickelt sich nicht. Vielmehr erlebt man den Zusammenbruch eines Individuums, dem es immer weniger gelingt, eine eigene Identität aufrechtzuerhalten, so sehr ist sie in innere Kämpfe verstrickt. Dabei ist diese Arbeit stilistisch originell: erzählt wird in den starren Rastern der Panels, unter denen als "Subtext" der graue Hund spricht. Die vermenschlichten Tierfiguren agieren minimal in ebenso minimalistischen Settings. Dabei ist die Farbpallette so farbenfroh und plakativ, dass sie dem inneren Erleben der Hauptfigur zu widersprechen scheint. Es ist der Blick in einen inneren Abgrund, der die Leser:innen ratlos zurücklässt. So bunt und poppig eine Psychose darzustellen, ist ein Wagnis, das nicht bei jedem verfangen wird – zwiespältig.

Dominique Moldehn

Dominique Moldehn

rezensiert für den Borromäusverein.

Wie ich ein grauer Hund wurde

Wie ich ein grauer Hund wurde

Katharina Kulenkampff
Rotopol (2025)

[unpaginiert] : farbig
fest geb.

MedienNr.: 622292
ISBN 978-3-96451-057-0
9783964510570
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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