Nach Mitternacht
Nach über 20 Jahren kehrt der Restaurator Guerlain mit seinem Sohn Nisse in die Villa Drosera zurück, wo er als Kind eine glückliche Zeit mit seinen drei älteren Schwestern verbrachte. All das hatte er verdrängt, doch nun erlangt er seine Erinnerungen
langsam zurück. Genau wie Nisse war er damals sieben Jahre alt und voller Geschichten, die er im Gegensatz zu seinem Sohn jedoch für sich behielt. Er drückte sich lieber durch die Sprache der Blumen aus, war sehr sensibel und litt bereits als Kind unter Schlaflosigkeit. Kurz nach ihrer Ankunft in der Villa entdecken Vater und Sohn drei Krähen im Haus, die ihnen nicht mehr von der Seite weichen. Sie wachen ebenso wie Guerlains drei Schwestern (diese telefonisch) über Vater und Sohn. Während Schemen und Klopfgeräusche Guerlain besonders nach Mitternacht nicht zur Ruhe kommen lassen, geht Nisse spielerisch mit der Situation um. In der Auseinandersetzung mit seinen Ängsten und mit Unterstützung seines Sohnes findet Guerlain schließlich zur Ruhe und zu sich selbst. – Das Cover lässt eine unheimliche Story erwarten. Zwar gibt es einige Gruselszenen, doch dominiert das Schöne, Positive, ja Poetische in dieser Graphic Novel. Geniller (zuletzt "Die Blüte von Paris" BP/mp 23/951) zeichnet ein inniges Vater-Sohn- und Bruder-Schwestern-Verhältnis. Die ansprechenden Illustrationen mit vielen Art-Déco-Elementen verleihen der Graphic Novel etwas Leichtes, Tagtraumhaftes und lassen die düsteren Eindrücke verblassen. Interessant auch der Anhang mit Gedanken und Skizzen zur Entstehung der Geschichte, die ihren Ursprung in der eigenen Schlaflosigkeit der Autorin hatte. Für alle Graphic-Novel-Bestände empfehlenswert.
Margit Düing Bommes
rezensiert für den Borromäusverein.
Nach Mitternacht
Gaëlle Geniller ; aus dem Französischen von Tanja Krämling
Splitter (2025)
206 Seiten : farbig
fest geb.