Über Mut
Der zweite Teil ihres Familiennamens ist Programm und bietet sich geradezu für das doppelte Wortspiel im Titel an: Rita Süßmuth darf mit ihren 87 Jahren sowie ihren vielfältigen beruflichen Erfahrungen als Wissenschaftlerin, Bundesministerin und
Bundestagspräsidentin als "Urgestein" der deutschen Politik bezeichnet werden. Dass sie sich in der Partei Helmut Kohls als Frau und mit nicht immer parteikonformen Positionen dennoch durchsetzen konnte und bis heute zu einer parteiübergreifend anerkannten Autorität der Zeitgeschichte wurde, verleiht ihrem Essay besondere Überzeugungskraft. Ihr engagierter und berührender Aufruf zu Tatkraft, Mut und Zuversicht ist ein Geschenk an unsere Zeit. Ohne nostalgisch oder gar kulturpessimistisch ihre eigene Vergangenheit und die enormen Anstrengungen, Kämpfe und Niederlagen zu verklären, zeigt sie beispielhaft auf, dass sich "Zupacken, Durchhalten und Loslassen" lohnt, gerade für unsere von Katastrophen und Untergangsszenarien geprägte Zeit. Sie verschweigt nicht, dass diese Lebenshaltung anstrengend und ernüchternd ist, manchmal auch in die Verzweiflung führt und immer wieder Kraft zum Loslassen braucht. Aber gerade deshalb ist ihr Engagement für aktiven Einsatz, realistischen Blick und hoffnungsvolle Zuversicht am Ende ihres Lebens so überzeugend. Ältere Leser erinnern sich bei der Lektüre an das, was sie selbst in ihrem Leben erreicht haben, jüngeren wird bewusst, dass Resignation keine Option ist. Zu Engagement und Mut gibt es keine Alternative – nur diese Haltungen führen in die Zukunft. Welch großartiges Vermächtnis!
Thomas Gottfried
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Über Mut
Rita Süssmuth
Bonifatius (2024)
159 Seiten
fest geb.