Die Ausweichschule
Der autobiografische Ich-Erzähler hat sich als Stoff für seinen zweiten Roman den Amoklauf in der Erfurter Gutenbergschule 2002 "ausgesucht", den er als Fünftklässler selbst erlebte. Bei der Recherche, den Schreibversuchen, dem Gespräch mit seinem
Lektor stößt er auf zahlreiche Hindernisse: Ein Dramatiker setzt den Stoff zeitgleich und sehr zügig neu in Szene, die Freundin und die Therapeutin suchen ihn von dem schweren Stoff abzulenken, der Verlag sucht eher Heimatkrimis. Der Erzähler selbst findet auch im Gespräch mit einem ehemaligen Erfurter Klassenkameraden kaum Entsprechung für seine Erinnerungen. Die eigene Mutter, Literaturwissenschaftlerin, verweigert sich als Gedankenpartnerin für die gemeinsamen Lebenserinnerungen. Der mehrfach in Berichten aufgearbeiteten (Familien-) Geschichte des Täters gewinnt er nicht Erklärendes ab. Und der Besuch vor Ort erweist sich gleichfalls als kaum inspirierende Reise. So bleibt der Text ein zu schmaler Torso, der schließlich als Datei im Computerordner "Projekte" abgespeichert wird. – Die zahlreichen Perspektiven und Perspektivwechsel modelliert Erdmann gekonnt zu einem erklärungsoffenen Puzzlespiel eines jungen Menschen, der für sich selbst unfassbares Geschehen und Leid erklären will. Der sprachlich gekonnt formulierte Roman über einen nicht erschienenen Roman ist von der Sehnsucht durchdrungen, traumatische Erinnerungen wirklich ausblenden zu können. (Nominiert für den Deutschen Buchpreis)
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Ausweichschule
Kaleb Erdmann
park x ullstein (2025)
298 Seiten
fest geb.