Nachtgäste
Maja ist die achtzehnjährige Tochter des Direktors eines kleinen Museums in Sarajewo. Als die Wohnung der Familie durch den Beschuss der serbischen Truppen in Brand gerät, ziehen alle in das Untergeschoß des Museums. Da sind sie vor den Granaten
einigermaßen geschützt, Majas Eltern, Bruder Dávor, dessen Frau, die schwangere Sanja, die Großmutter und einige Gestalten wie der Portier Brkic und dessen Freund Julio und eine fast allgegenwärtige Nachbarin und andere immer wieder erscheinende Figuren wie Soldaten und undurchsichtige Helfer in der Not. Der Sohn soll eingezogen werden, will aber seine schwangere Frau nicht allein lassen. Als eine Flucht aus der Stadt organisiert werden könnte, mag Sanja nicht mitmachen. So hangelt sich die Gemeinschaft Tag für Tag durch die allgegenwärtigen Bedrohungen; der Granatbeschuss wird irgendwann fast zur Gewohnheit. Die Beschaffung von Lebensmitteln, Treibstoff und vor allem von Wasser ist zunehmend zu lebensgefährlichen Unternehmungen geworden. Beengtheit und Not fördern bislang unbekannte teils skurrile Eigenheiten zutage, sowohl was Tapferkeit und auch Feigheit angeht. – Der Roman ist bereits 1997 erstmals unter dem Titel "Logiergäste" erschienen (BP 98/474). Die Neuausgabe ist textlich leicht verändert worden. Der Autor ging von der Prämisse aus, dass die mitteleuropäische Leserschaft nicht so gut über den Bosnienkrieg Bescheid weiß. So gesehen ist das Erzählformat, die direkte und unverfälschte Sprache einer jugendlichen Erzählerin, genau richtig. Es geht nicht um komplizierte politische Zusammenhänge, sondern um machtpolitische Interessen und um Religion. Trotz der grausamen Realität bewahrt sich die vermeintliche Erzählerin eine positive Grundhaltung. Der Roman erhebt nicht den Anspruch, den Bosnienkrieg umfassend zu erklären. Er schildert in klarer, zumeist einfacher Sprache der jungen Maja die Ereignisse in der belagerten Stadt Sarajewo. – Ein bemerkenswertes, beeindruckendes Buch, uneingeschränkt empfohlen.
Erwin Wieser
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Nachtgäste
Nenad Velickovic ; aus dem Bosnischen von Barbara Antkowiak
Jung und Jung (2025)
233 Seiten
fest geb.