Schon kleinen Kinder begegnen unterschiedliche Sprachen, und in der Kita oder Grundschule sind Kinder aus verschiedenen Ländern, die mehrsprachig aufwachsen. Wie gut, dass es aktuelle Bilderbücher gibt, die das aufgreifen und künstlerisch gestalten. Wie die Kreativen diese Vielfalt finden, hat Antje Ehmann sie gefragt und stellt sieben mehrsprachige, empfehlenswerte Kinderbücher vor.
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Der bereits 2022 als Pappbilderbuch erschienene Titel des Tyrolia Verlags liegt nun unter „Vielfalt Lesen“ in einer mehrsprachigen Variante vor. „Ich finde die mehrsprachige Ausgabe von Guten Morgen, schöner Tag toll!“, so Elisabeth Steinkellner. „Denn ein mehrsprachiges Buch kann zu etwas Verbindendem werden und Wertschätzung gegenüber der kulturellen und sprachlichen Vielfalt ausdrücken, die ja gelebte Realität ist“, ergänzt die beliebte Autorin noch. Schon das Cover von Michael Roher macht gute Laune und man bekommt Lust, diesen Tag in fünf Sprachen zu erleben. Gemeinsam mit dem neugierigen Mädchen verbringt man einen Tag. Schön, wie das gestalterisch mit dem ‚Mehr‘ an Text gelöst ist. Im Hochformat bleibt am unteren Bildrand ein Streifen – auf dem wie bei einem Untertitel die Vierzeiler jeweils auf weißem Untergrund zu lesen sind.
Für etwas ältere Kinder – gut denkbar im Grundschulalter – ist Wir von Linda Wolfsgruber. „Bereits 2017 ist das Buch als deutschsprachige Ausgabe bei Tyrolia erschienen. Als das es dann vergriffen war und eine Neuauflage im Betracht gezogen wurde, hatte Tyrolia die wunderbare Idee, ein mehrsprachiges Buch daraus zu machen. Und so ist Wir 2023 in 44 Sprachen erschienen. Es haben viele Personen mitgeholfen, die passenden Adjektive zu finden, die Koordination und Auswahl erfolgte im Verlag“, so die Künstlerin. Ihre sensiblen Porträts – jeweils auf der rechten Seite zu sehen – prägen sich ein und über die zugeordneten Adjektive kann man ins Nachdenken kommen. Einfallsreich, klug, verletzlich – um nur drei zu nennen. Nur der rebellische Junge ist auf der linken Seite zu sehen.
Der Junge in Der Wortschatz erlebt etwas Grandioses. Oskar entdeckt eine riesige Schatztruhe voller Wörter und sobald er mit diesen um sich wirft, verwandelt sich seine Umwelt: ein quietschgelber Igel, eine haarige Eiche und ein pompöses Vogelhäuschen. Wie konnten diese Verwandlungen nur passieren? Rebecca Gugger dazu: „Den Anstoß für dieses Bilderbuch gab uns eine befreundete Grundschullehrerin, die Deutsch als Zweitsprache unterrichtet. In gemeinsamen Gesprächen erzählte sie uns von ihren Erfahrungen und Beobachtungen während der Arbeit. So begegnet sie oft Kindern, welchen die Worte für die ganz banalen, alltäglichen Dinge fehlen. Wie schön wäre es, wenn sie erkennen würden, wie reich sie wären, wenn sie einen größeren Wortschatz hätten.“ Und nun profitieren noch viel mehr Kinder davon. Denn in zusätzlich acht zweisprachigen Ausgaben liegt dieses Bilderbuch voller Anregungen nun im bilibri-Verlag vor. Eine weitere tolle Möglichkeit: Anhören als MP3-Hörbuch in allen Sprachen.
Als beliebte Reihe in vielen Varianten ist Das kleine WIR bereits bekannt: Bilderbuch, Erstlesebuch, Hörbuch und nun auch in einer mehrsprachigen Ausgabe. Daniela Kunkel dazu: „Ich freue mich sehr über die mehrsprachige Ausgabe, weil sie durch Sprache verbindet und Brücken braut – eine Grundlage für ein starkes WIR. Soziale Themen haben mich schon immer interessiert.“ Hier nun hat sie in Text und Bild Ben und Emma begleitet. Deren Freundschaft ist wertvoll und das WIR freut sich über gemeinsame Zeit, Humor, liebe Worte und gemeinsame Erinnerungen. Schön, wie das alles illustriert und auf einem Tisch angerichtet ist. Nun können Kinder in Ukrainisch, Persisch, Kurdisch und noch mehr Sprachen daran teilhaben.
Bei Carlsen gibt es ein ganzes WIR Universum mit vielen Anregungen, vielleicht für eine Veranstaltung in ihrer KÖB?
Noch mehr Sprachen – sage und schreibe 13 – bietet die Ausgabe des Talisa Verlags von Michel Gay und seinem Klassiker Eine Dose Kussbonbons. Die hat der renommierte Übersetzer aus dem Französischen Tobias Scheffel vorgelegt, der 2011 mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises ausgezeichnet wurde. Er erinnert sich gut: „Da war ich schon eine Weile Übersetzer, fand aber immer wieder französische Illustratoren bzw. Autoren-Illustratoren toll, ohne dass sich zunächst eine Möglichkeit ergeben hätte, einen oder eine davon auch zu übersetzen. Dann bin ich schließlich bei der Frankfurter Buchmesse zu einem französischen Verlag gegangen, dessen Bilderbücher ich besonders interessant fand, und habe mich erkundigt, mit welchen deutschen Verlagen sie zusammenarbeiten.“ Nun also diese Feriengeschichte mit der großartigen Idee, dem heimwehgeplagten Eselkind Zou ein paar Küsse auf Papier mitzugeben, als mehrsprachiges Leseerlebnis. Links sind alle Sprachen zu lesen, rechts die tollen Illustrationen mit der Feriengesellschaft zu betrachten. Grandios und zum Nachmachen empfohlen!
Um Tiere geht es auch in Jörg Mühles Geschichte mit Bär und Wiesel. Und auch hier geht es um gute Ideen des Zusammenlebens – teilen, sich entschuldigen etc. Nun kommen erfreulicherweise auch Kinder mit anderen Muttersprachen als Deutsch auf ihre Kosten. Denn der Moritz Verlag verlegt mehrsprachige Kamishibais, und Zwei für mich, einer für dich ist eines davon. Der Frankfurter Illustrator sagt zu seiner künstlerischen Arbeit: „Früher habe ich mich vor allen Dingen für die Illustrationen interessiert. Jetzt lege ich viel mehr Wert auf den Text. Wenn der nichts taugt, nützen die schönsten Bilder nichts. Bei der Arbeit an diesem Bilderbuch habe ich tatsächlich immer im Kammerspielformat gedacht.“ Da passt die Ausgabe als Kamishibai – einer Art Tischtheater – ja gut. Auch als Bilderbuchkino sind die Bilderbücher von Jörg Mühle bei Matthias-Film erhältlich. Immer auf der Rückseite der großformatigen Bildkarten ist der dialogreiche Text in allen Sprachen zu lesen. Schön auch der Überblick der Cover in unterschiedlichen Länderausgaben. So wird klar, wie universell die Themen sind.
Und bei der letzten Empfehlung, A wie Biene von Ellen Heck, lässt schon der Titel stutzen. A wie Biene? Denn für deutschsprachige Kinder wäre die Antwort ja B. Aber man lernt so einiges aus diesem originellen ABC-Bilderbuch. Auf Portugiesisch sagt man „Abelha“ – und so passt der Titel auch schon. Eine Seite pro Tier, dessen Name in mehreren Sprachen, und die ausdrucksstarken, holzschnittartigen Illustrationen als Blickfang. Im Nachwort dieses sorgfältig gestalteten Buches ist von der Autorin zu lesen: „Manche dieser Sprachen werden aktuell von etwa einer Million Menschen gesprochen, andere von wenigen Hundert. Dabei sind die 68 in diesem Buch verwendeten Sprachen nur ein kleiner Bruchteil von mehr als 6500 Sprachen, die auf der ganzen Welt gesprochen werden.“