Sechs Kinderbuchcover vor aufgeschlagenen Buchseiten
Foto von Patrick Tomasso auf Unsplash; Cover von den Verlagen Gerstenberg, dtv, Carlsen, arsEdition, Fischer Sauerländer

Wenn aus rrrits ratsch wird

von Antje Ehmann

Lesen, Schreiben und die perfekte Synthese von beidem: Übersetzen

Englisch, Niederländisch, Finnisch und Französisch … –  Ohne professionelle Übersetzerinnen wäre es nicht möglich, all diese herausragenden Werke der Kinderliteratur auf Deutsch zu lesen. Hier berichten sechs renommierte Übersetzerinnen von ihrer Arbeit und davon, was sich im Laufe der Jahre alles verändert hat. – Antje Ehmann hat nachgefragt und die folgenden aufschlussreichen Antworten bekommen. Lesen Sie selbst!

Im Interview

  • Elina Kritzokat
  • Andrea Kluitmann
  • Anna Taube
  • Birgitt Kollmann
  • Ina Kronenberger
  • Ursula Bachhausen

Elina Kritzokat

Wie bist Du darauf gekommen, Übersetzerin zu werden – und hast Du ein Vorbild?

In der Schule mochte ich die kleinen Übersetzungsübungen im Englischunterricht, aber zum ersten Mal eine ganze finnische Geschichte ins Deutsche übersetzt habe ich für ein Literaturprojekt des Lyrikers Jan Wagner im Jahr 2000. Dieser Transfer-Akt hat so viel Spaß gemacht und steckte für mich so voller Leben, dass ich das Übersetzen – parallel zu meiner Arbeit im Verlag – fortgesetzt und zum alleinigen Standbein ausgebaut habe. Vorbilder oder Inspirationsquelle sind für mich Akteurinnen aller kreativen Felder, die ihrer Vision und Ethik treu sind, sich zugleich weiterentwickeln und sich auch mal verletzlich oder überfragt zeigen können. Mich inspiriert auch die nichtsprachliche Ausdrucksform Tanz aufgrund ihrer Direktheit und Unmittelbarkeit.

Wie haben sich die Arbeitsbedingungen im Laufe der Jahre verändert – jetzt auch unter dem Einfluss von KI?

KI spielt für mich bisher überhaupt keine Rolle und ich hoffe, das wird so bleiben. Ich habe es mit von menschlichem Gefühl durchdrungenen, sprachlich sehr bewusst gestalteten Werken zu tun. Diese sollte ein echter Mensch nachfühlen und in der Zielsprache mit vergleichbarer sprachlicher und emotionaler Sensibilität neu erschaffen. Was sich in den letzten gut 20 Jahren allerdings verändert hat: Ich merke, dass die Lektorinnen, die meine Übersetzungen in den Verlagen betreuen, einen dichteren Arbeitstakt haben und sich oft nicht mehr so die Zeit nehmen können, um zum gemeinsamen Projekt zu mailen oder zu telefonieren. Alle scheinen mit dem Verrinnen der Zeit und vielleicht auch mit der gewaltigen Sphäre des Digitalen zu kämpfen.

Gib mir bitte ein wenig Einblick in eine Übersetzung eines Kinderbuches Deiner Wahl.

Am frischesten ist immer der Eindruck vom letzten Projekt: Gerade habe ich ein Kinderbuch über eine Clique von zehnjährigen Mädchen übersetzt, das im Juni 2026 bei Carlsen erscheint: „Zähl leise bis zehn“ von Laura Lähteenmäki. Es gibt darin sehr poetische und märchenhafte Passagen, die im Wald spielen. Dort taucht die Hauptfigur Mia in tranceartige Zustände ein, was sich sprachlich zu hundert Prozent zeigen muss. Dann wiederum gibt es sehr alltagsnahe, von Jugendsprache geprägte Schulszenen mit schnellen, manchmal zickig geführten Dialogen. Ein ziemlicher Kontrast also. Diese sprachliche Bandbreite, die mit den emotionalen Zuständen von Mia korreliert, ist für mich sehr reizvoll. Da dieses Buch noch nicht auf dem Markt ist, nenne ich gern auch noch die superlustige Arbeit am Kindercomic „Tatu und Patu und ihre verrückte Zugfahrt“ von Aino Havukainen und Sami Toivonen (Thienemann). In den platzbegrenzten Sprechblasen musste ich alles knackig rüberbringen, die Sprache muss Wumms haben und sitzen. Außerdem müssen die vielen Soundwords stimmen! Auch wenn Geräusche in Finnland schallwellenmäßig absolut identisch klingen wie bei uns: Sie werden sprachbedingt anders gehört und die Verschriftlichungskultur funktioniert entsprechend anders. Wenn man einen gut haftenden Tesastreifen irgendwo wegreißt, heißt es dort rrrits, bei uns ratsch!


Andrea Kluitmann

Wie bist Du darauf gekommen, Übersetzerin zu werden – und hast Du ein Vorbild?

Ich hatte als Studentin einen Job als Übersetzerin bei einer Sozialversicherung und merkte, dass mir das Übersetzen Spaß machte und mich interessierte. Zeitgleich entdeckte ich die großartige niederländische Kinder- und Jugendliteratur und da dachte ich: Kann ich das nicht irgendwie kombinieren? Das war etwa 1992, also vor dem Internet, und man lernte KollegInnen nicht so leicht kennen. Deshalb habe ich mir viele Übersetzungen angesehen, um mir Kniffe und Lösungen abzugucken, aber ein echtes Vorbild hatte ich nicht.

Was sind die Vor- und Nachteile an diesem Beruf?

Ich übe diesen Beruf jetzt seit dreißig Jahren aus und freue mich wirklich jeden Morgen auf meine Arbeit. Ich finde das selbst fast unglaubwürdig, aber das ist die Wahrheit! Ich liebe es, ganz in einem Text verschwinden zu dürfen, im Flow zu sein. Ich mag auch sehr gerne knifflige Szenen, bei denen man extrem kreativ sein darf und muss. Ich übersetze aber nicht nur, sondern erzähle auch gern mal von meinem Beruf, schreibe übers Übersetzen und Literatur, begutachte Übersetzungen, begleite AutorInnen auf Lesereisen oder bei Auftritten, dolmetsche. Mein Beruf ist vielseitig. Ein weiterer Vorteil sind meine KollegInnen! ÜbersetzerInnen sind, glaube ich, fast immer sehr nett und klug, das ist toll! Das gilt auch für LektorInnen, AutorInnen und andere Menschen im Kinder- und Jugendbuchbereich. Der Umgang ist persönlich und herzlich, und genau das will ich, alles andere macht mich unglücklich.

Was die Nachteile angeht kann ich mich kurzfassen: Die schlechte Bezahlung, die allmählich auch nicht mehr machbar ist, weil die Honorare praktisch nie erhöht werden. Und wenn, dann alle fünf Jahre oder so gering, dass es nicht mal die Inflation ausgleicht und auch nicht zu mehr Existenzsicherheit führt. Man braucht also eigentlich noch eine andere Arbeit, um sich das Übersetzen leisten zu können. Die schöne Arbeit geht schon mit echten Sorgen einher. Die schlechte Honorierung mag auch damit zu tun haben, dass wir so unsichtbar sind. Wir ÜbersetzerInnen wollen darum auf Buchcovern genannt werden und überhaupt immer, wenn unsere Übersetzung eine Rolle spielt (in Rezensionen, in Interviews mit AutorInnen etc.). Wir gelten nicht umsonst auch rechtlich als UrheberInnen – unsere Arbeit ist kreativ. Es ist nicht egal, wer übersetzt, und fast jeder Satz lässt sich auch anders übersetzen! Ich bin immer extrem enttäuscht, wenn wir einfach übersehen werden.


Anna Taube

Wie bist Du darauf gekommen, Übersetzerin zu werden – und hast Du ein Vorbild?

Ich glaube, von allein wäre ich nie darauf gekommen, Bücher zu übersetzen. In der Schule wurden meine fremdsprachlichen Leistungen bestenfalls als mittelprächtig bewertet, weil ich eine etwas kreative Auffassung von Rechtschreibung und Grammatik hatte. Als ich beim cbj-Kinderbuchverlag als Lektoratsassistentin arbeitete, fragte mich mein damaliger Verlagsleiter, ob ich nicht eine soeben erstandene Lizenz für ein Kinder-Wörterbuch aus dem Französischen übersetzen möchte. Das war also meine allererste Übersetzungserfahrung. Nachdem ich mich selbstständig gemacht hatte, kamen immer wieder neue Anfragen. Eine der ersten war die Übersetzung zu Marianne Dubucs „Devant ma maison“, im Deutschen „Meine kleine große Welt“, das sogar für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde. Wir haben den Preis zwar nicht bekommen, aber Marianne und ich hatten uns damals sehr über die Ehrung gefreut! Ich denke, Verlage, die mich anfragen, wissen, dass ich weder Fremdsprachen noch Übersetzung studiert habe, daraus mache ich keinen Hehl. Aber sie wissen, dass sie einen stimmigen deutschen Text erhalten, dessen Anspruch es ist, Kindern auf Augenhöhe zu begegnen.

Wie haben sich die Arbeitsbedingungen im Laufe der Jahre verändert – jetzt auch unter dem Einfluss von KI?

Ich hoffe, dass mich genau der oben beschriebene Anspruch noch lange von einer KI abhebt. KI wird immer besser und kann bei Übersetzungen gewiss schon hilfreiche Unterstützung leisten. Ich bin so „old school“, dass ich immer noch Wort für Wort selbst übersetze. Mit KI-generierten Texten habe ich mich noch nicht so befasst. KI-generierte Bilder sieht man jedoch immer mehr und ich finde, sie wirken, als würde ihnen etwas fehlen. Ich finde sie seelenlos und frage mich, ob es auf Dauer gutgeht, wenn Kinder mit seelenlosen Sachen großwerden. Ich hoffe einfach, dass es auch in Zukunft viele Verlage gibt, die Wert auf Texte und Bilder mit Seele legen und ÜbersetzerInnen beauftragen, die Seele in den Texten zu erfassen und in die andere Sprache zu übertragen.

Gib mir bitte ein wenig Einblick in eine Übersetzung eines Kinderbuches Deiner Wahl.

Die Wahl fällt schwer, denn ich durfte schon so viele schöne Bücher aus dem Französischen und Englischen übersetzen. Ich wähle eines, dessen Übersetzung noch nicht so lang zurückliegt und das 2025 erschienen ist. Der „Geschichtenschatz für 4-Jährige“ von Gabby Dawnay und Heidi Griffiths kommt auf den ersten Blick überhaupt nicht wie ein „Leuchtturm-Projekt“ daher. Aber bei diesem Buch durfte ich mich komplett austoben: Es gab lustige Texte, für die ich mir witzige Wörter ausdenken durfte. Es gab nachdenkliche Texte und Erzählungen aus anderen Kulturen, die die Autorin frei nacherzählt hatte. Zu manchen Geschichten gab es auch ein bisschen Extra-Wissen. Am meisten Spaß haben mir die Gedichte gemacht. In Versen zu übersetzen ist wirklich immer eine tolle Herausforderung. Es ist ja bekannt, dass das Englische meist viel kürzer läuft als das Deutsche. Und oftmals wird auch die Sache mit dem Versmaß im Original nicht so eng gesehen. Beim „Geschichtenschatz“ waren die meisten Gedichte zum Glück ziemlich „rund“. Dennoch blieb die Herausforderung, für die teils schon balladenartigen Texte ein Äquivalent zu dichten, das den Inhalt, den Witz, die Spannung, die Gedanken herüberbringt – und dabei das Versmaß und die Textlänge beachtet. Denn das Seitenlayout war bei diesem Projekt fest vorgegeben.


Birgitt Kollmann

Wie bist Du darauf gekommen, Übersetzerin zu werden – und hast Du ein Vorbild?

Meine Muttersprache im üblichen Sinn war in meinem Fall die Vatersprache. Die Sprache meiner Mutter – Norwegisch – war zum einen die Geheimsprache zwischen meinen Eltern, wenn wir Kinder oder Nachbarn etwas nicht verstehen sollten, sie war aber auch die Sprache der Poesie, der Lieder, des Trostes. So war das Bewusstsein für unterschiedliche Sprachen, vor allem auch für deren unterschiedliche Wirkung, eigentlich immer schon da. Ob Schulaufsätze, Briefe oder Reden bei Familienfeiern – auf gute, lebendige Sprache wurde großer Wert gelegt. Lesen und Schreiben rangierten beide hoch oben auf der Liste der Fähigkeiten, und die perfekte Synthese von beidem ist: Übersetzen.

Was sind die Vor- und Nachteile an diesem Beruf?

Ein unschätzbarer Vorteil, aber nur für disziplinierte Nichtprokrastinierer, sind die frei gewählten Arbeitszeiten und die Tatsache, dass man zum Arbeiten nicht aus dem Haus muss. Ein Nachteil ist gelegentlich die Einsamkeit am Schreibtisch.

Wie haben sich die Arbeitsbedingungen im Laufe der Jahre verändert – jetzt auch unter dem Einfluss von KI?

Ich habe zehn Jahre im Sprachendienst der staatlichen Förderbank KfW gearbeitet. Ein toller Job. Damals in den Siebzigern übersetzten wir noch mithilfe dicker Wörterbücher und unsere handschriftlich verfassten Texte wurden in den Sekretariaten abgetippt. Ein fortschrittlicher Kollege berichtete schon damals von Rechnern, in die alle Wörterbücher der Welt eingespeist würden. Wir haben gelacht und glaubten uns unersetzlich.

 


Ina Kronenberger

Wie bist Du darauf gekommen, Übersetzerin zu werden – und hast Du ein Vorbild?

Ich glaube, der Grundstein wurde schon in meiner Kindheit gelegt, auch wenn ich dies damals nicht durchschaut habe. Ich bin in einer Gegend aufgewachsen, in der sowohl amerikanisches als auch französisches Militär stationiert war. Das hat dazu geführt, dass ich schon als Kind und Jugendliche mit anderen Sprachen in Berührung kam. Dabei fand ich es äußerst faszinierend, dass es Menschen gab, die das, was ich morgens in der Schule lernte, nachmittags ohne Mühe verstanden. Gleichzeitig waren sie auf meine Sprachkenntnisse angewiesen, sonst wäre keine Verständigung zustande gekommen. Der nächste Schritt kam im Studium, als wir in den sprachpraktischen Kursen das literarische Übersetzen übten. Es hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, „quasi dasselbe mit anderen Worten“ auszudrücken (um es mit Umberto Eco zu sagen) und so lange zu basteln, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden war. Ich weiß noch, dass wir einmal einen Brief ins Französische übersetzen mussten, der mit der Briefunterschrift „Vater“ endete. Auf den ersten Blick schien das ein einfach zu übersetzendes Wort zu sein. Dann wurde aber schnell klar, dass man im Französischen unmöglich einfach nur „père“ schreiben konnte. Es gehörte zwangsläufig ein Possessivpronomen dazu: „ton père“, also „Dein Vater“. Genau diese sprachtypischen Unterschiede faszinieren mich bis heute und begegnen mir täglich bei der Arbeit.

Wie haben sich die Arbeitsbedingungen im Laufe der Jahre verändert – jetzt auch unter dem Einfluss von KI?

Als ich in den 90er Jahren mit dem Übersetzen anfing, hielt der PC gerade Einzug in unsere Arbeitszimmer. Man gab nicht mehr ausgedruckte Manuskripte ab, sondern schickte eine Diskette mit der Datei. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Texte noch überwiegend auf Schreibmaschine getippt und anschließend im Verlag erfasst worden. Heute gehen in Sekundenschnelle Dateien per E-Mail hin und her. Auch das Original erreicht mich nicht selten erst mal als PDF-Dokument und manchmal auch gar nicht mehr als Buch. Insbesondere die Recherche ist dank des Internets sehr viel leichter geworden und erfährt durch die KI aktuell noch eine weitere Verbesserung. Man kann den Chatbots sehr komplexe Fragen stellen, was die Suche vereinfacht und das Finden beschleunigt. Allerdings kommt die KI beim Übersetzen schnell an ihre Grenzen. Im Deutschen unterscheiden wir in der Anrede zwischen „du“ und „Sie“, im Norwegischen oder Englischen nicht. Es ist also unsere Aufgabe, die jeweils passende Anrede zu wählen. Damit tut sich die KI sehr schwer. Und das ist nur ein sehr einfaches Beispiel. Allerdings wäre es töricht zu glauben, dass die KI ausgerechnet unsere Branche aussparen würde. Ich schaue also durchaus mit Sorge auf die rasante Entwicklung und hoffe, dass in zehn Jahren noch Texte von Menschen übersetzt werden. Die enorme Befriedigung, die ich verspüre, wenn ich nach längerer Suche eine tolle Lösung gefunden habe, ist jedenfalls nicht gegeben, wenn digitale Tools mir diese Arbeit abnehmen. Meine Lebensfreude würde sich massiv verringern; ob sich stattdessen die KI freut, ist eine offene Frage …

Gib mir bitte ein wenig Einblick in eine Übersetzung eines Kinderbuches Deiner Wahl.

Ein ganz besonderes Projekt im letzten Jahr war „Deine bunte Kinderbibel“ von Alf Kjetil Walgermo, illustriert von Anna Fiske aus dem Norwegischen. Es trägt fast hundert Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament zusammen und erzählt sie in moderner Sprache für Kinder von etwa sechs bis zehn Jahren neu. Beim Übersetzen habe ich rasch gemerkt, dass ich mir die zugrunde liegenden Geschichten in der Bibel anschauen muss, um die Zusammenhänge zu verstehen und die verkürzte und vereinfachte Kinderfassung besser übertragen zu können. Doch welche Bibelübersetzung sollte ich nehmen? Die Lutherbibel? Die Einheitsbibel? Eine andere? Interessanterweise variierten da auch die Schreibweisen der Namen: Goliat und Goliath, Hiob und Job. Sollte ich überdies eingeführte Formulierungen wie „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ oder „Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ übernehmen oder sie in eine kindgerechtere Sprache bringen? Das war ein ständiger Balanceakt, dem ich mich mit dankbarer Unterstützung meiner Lektorin gestellt habe. Dem fertigen Buch wird man die vielen vorausgegangenen Überlegungen, das lange Abwägen hoffentlich nicht ansehen. Und genau das ist das Ziel. Wenn LeserInnen der deutschen Fassung gar nicht darüber nachdenken, dass sie eine Übersetzung in den Händen halten, habe ich meine Aufgabe erfüllt.

 


Ursula Bachhausen

Wie bist Du darauf gekommen, Übersetzerin zu werden – und hast Du ein Vorbild?

Beim Übersetzen von Büchern, Theaterstücken und Filmen kommt vieles von dem zusammen, was mir am Herzen liegt und Spaß macht: die Fremdsprachen, die Ausdruck einer anderen Sicht auf die Welt sind, das Ausloten der Möglichkeiten, in meiner Muttersprache fremde Gedanken zum Ausdruck zu bringen, aber auch die Freude an Geschichten bei fiktiven Stoffen. Sachbücher bzw. Dokumentarfilme kommen meiner Neugier auf die Welt entgegen und erlauben mir viele spannende Einblicke in Themen, die mir neu sind. Ich bin auf Umwegen zum Übersetzen gekommen und darüber sehr glücklich. Ich wüsste für mich keinen passenderen und schöneren Beruf.

Was sind die Vor- und Nachteile an diesem Beruf?

Jedes Projekt ist anders, mir wird nie langweilig. Auch die relative Freiheit, die mir diese kreative Tätigkeit ermöglicht, kommt mir sehr entgegen. Heute ein Kinderbuch, morgen ein Thriller, übermorgen ein Sachbuch, das ist toll! Leider wird die hochkomplexe Übertragung von literarischen oder filmischen Texten aus einem Kulturraum in den anderen – mit der Suche nach den passenden stilistischen Mitteln, dem richtigen Ton für die Zielgruppe, dem Ringen um Wortspiele, aber auch der intensiven Recherche von Themen – nicht so honoriert, wie man bei einer so qualifizierten Tätigkeit vielleicht denken sollte. Die Honorare der Literatur- und Filmübersetzenden sind vergleichsweise bescheiden und immer mehr Kolleginnen und Kollegen verlassen die Branche gezwungenermaßen. Das ist sehr schade.

Wie haben sich die Arbeitsbedingungen im Laufe der Jahre verändert – jetzt auch unter dem Einfluss von KI?

Der Zeitdruck ist über die Jahre enorm gestiegen. Heute sollen die deutschen Übersetzungen oftmals zeitgleich mit dem Original oder zumindest schon sehr kurz danach erscheinen, da sonst viele Leser und Leserinnen nicht abwarten, sondern zum Original greifen. Wenn sich dann bei einem fest eingeplanten Erscheinungstermin das Originalmanuskript verspätet, kann die Übersetzung zu einem extremen Wettlauf mit der Zeit werden.

 

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Rubrik Kinderbücher

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