Der Tanzende
Der schüchterne Arthur lebt in einer französischen Kleinstadt und ist schon von klein auf fasziniert von der örtlichen Diskothek. Seine Eltern machen sich Sorgen, weil er keine festen Freunde hat, immer alleine, anders ist. Während die Schulfreunde
an Sex denken, macht ihm der Gedanke daran Angst. Auch nach der Schule hat er kein Ziel, fürchtet sich vor Beziehungen, ja vor Kontakten zu den Mitmenschen. Doch dann beginnt er aus Langeweile mit Muskeltraining in der Hoffnung auf mehr Selbstvertrauen. Mit dem Fitnesscoach traut er sich auch wieder in die Diskothek „La Plage“; dort lässt er die Außenwelt hinter sich, wagt sich endlich auf die Tanzfläche – und der Rhythmus packt ihn. Von da an geht er regelmäßig ins „La Plage“, arbeitet im Fitness-Studio und nimmt an einem Tanzkurs teil. Die Diskothek wird mehr und mehr zu seiner Welt, in der er lebt und Kontakt zu anderen Menschen hat – wenn auch immer nur kurz, um nicht allein zu sein. „Man ist nie allein, wenn man mit jemandem tanzt“. Außerhalb des Tanzens ist Arthur unfähig, eine dauerhafte Beziehung aufzubauen, er lebt in seinem geschlossenen Mikrokosmos, dem „La Plage“. Für die anderen ist die Diskothek nur ein Durchgangsort, für ihn die Welt, die er nicht verlassen will noch kann, das Leben außerhalb macht ihm Angst. Die sehr intensiv erzählte Geschichte erstreckt sich über die Zeit zwischen 1990 und 2018; der Autor lässt die Leser/-innen teilnehmen an der Entwicklung der Gesellschaft, vor allem an den Musikstilen, und erzählt einfühlsam aus der Perspektive des Protagonisten von dessen Einsamkeit und hilfloser Ziellosigkeit. Eine eindrucksvolle psychologische Studie.
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Der Tanzende
Victor Jestin ; aus dem Französischen von Sina de Malafosse
Kein & Aber (2023)
205 Seiten
fest geb.