Nachtsendung

Wer handlungsbetonte, mitreißende, emotional anrührende Geschichten erwartet, sollte die Hände von diesem Buch der mehrfach preisgekrönten österreichischen Autorin lassen. Wer es dagegen ein bisschen schräg, skurril, makaber und doppelbödig Nachtsendung mag, wem es gefällt, dass zuweilen die sprachliche Gestaltung über den Inhalt dominiert, der ist hier besser aufgehoben. In vielen Fällen handelt es sich bei den über 30 Texten um Episoden aus dem Alltag, in denen wir uns auf hintergründige Weise charakterisiert und vielleicht entlarvt finden: z.B. um ein befremdliches Klassentreffen, eine Fahrt zu einem imaginären Flughafen, die im Nirgendwo zu enden scheint, einen Ferienaufenthalt, bei dem sich die Beteiligten krampfhaft aus dem Weg gehen und an dessen Ende die abrupte Trennung eines Paare steht. Oft ranken sich Geschichten um einen dramatischen Kern, wenn z.B. eine Gruppe Urlauber die Ankunft und das Sterben von Bootsflüchtlingen - auf groteske Weise unberührt - miterlebt. Es sind Texte, die thematisch nicht auf einen Nenner zu bringen sind, in ihrer Machart oft an Autoren wie Thomas Bernhard, z. B. mit einer obsessiven Verwendung der indirekten Rede, mit seinem insistierenden Wiederholen markanter Formulierungen, an Peter Handkes artifiziellen Feinschliff oder in ihrer Ausweglosigkeit und surrealen Parabelhaftigkeit an Franz Kafka erinnern. Herausforderung für ambitionierte und aufmerksame Leser.

Helmer Passon

Helmer Passon

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Nachtsendung

Nachtsendung

Kathrin Röggla
Fischer (2016)

282 S.
fest geb.

MedienNr.: 586247
ISBN 978-3-10-002487-9
9783100024879
ca. 22,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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