Kassandra in Mogadischu
Im Mittelpunkt steht das Schicksal von Scegos somalischer Familie, vor allem das ihrer Eltern, die nach dem Staatsstreich von Siad Barre 1969 nach Italien emigrierten und ihre Kinder bei der Tante in Mogadischu ließen. Der Vater war hoher Staatsbeamter
gewesen, die Mutter stammte aus einer Nomadenfamilie. Die Familie eint der gemeinsame Schmerz über den Verlust der Heimat, die nach dem Sturz des Diktators in einem brutalen Bürgerkrieg zerstört wurde, und das Zerstreutwerden der Familienmitglieder in die ganze Welt. Dieser Schmerz wird „Jirro“ genannt. Die Mutter der Erzählerin war während eines Aufenthalts bei der Familie in Mogadischu zwei Jahre in dem Chaos verschollen, und Vater und Tochter lebten in Rom in ständiger Angst um sie. Damals fing Scego zu lesen und zu schreiben an. In Form eines langen Briefes an ihre in Kanada lebende Nichte Soraya erzählt Scego assoziativ das Leben der Großmutter als nomadische Hirtin und als Überlebende zweier Bürgerkriege – den Terror im Italien der 1970er-Jahre einbezogen –, berichtet von Erinnerungen der Eltern, von den Grausamkeiten der italienischen Kolonialisierung Somalias und von ihren Gedanken über das Verwurzeltsein im Kulturland Italien, wo sie geboren wurde. Italien und Somalia sind eng verbundene Pole der Familiengeschichte und der Identität der Autorin. Scego lässt sich nicht vom „Jirro“ niedermachen, sie will „das Leben preisen“. „Wir sind keine Opfer, wir sind Überlebende“ – so das Fazit des Romans, der die Lesenden in andere Welten und in die Zeit der Kolonialgeschichte versetzt. Ein unter Migrantengeschichten herausragender Titel.
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Kassandra in Mogadischu
Igiaba Scego ; aus dem Italienischen von Verena von Koskull
S. FISCHER (2024)
411 Seiten
fest geb.