Nicht
Für den verwitweten Übersetzer Eli fühlt sich die Begegnung mit der Cellistin Lia an, als würde er eine kostbare Gabe aus dem längst leer geglaubten Sack mit Gottesgeschenken auspacken. Alles ist da: Nähe, Neugierde, Leichtigkeit und allmählich
auch der Mut, sich nach dem Tod seiner Frau Orscha auf eine neue Beziehung einzulassen. Auch der Hund Felix ist da, auf den Eli während Lias Konzertreise nach Wien aufpassen soll. Doch was passiert, wenn er bei dieser Aufgabe versagt? „Denn obwohl es nicht die wahre Geschichte ist, ist es die richtige.“ Der israelische Autor Dror Mishani schafft es in seinem schmalen Roman, der in der ungewöhnlichen Du-Form erzählt wird, die Liebesgeschichte mit Krimi-Elementen und Überraschungsmomenten zu versetzen und durch das von Eli aufgebaute Lügengebäude auch die Lesenden wiederholt auf falsche Fährten zu schicken. Warum lügt Eli? Warum verpasst er jede Gelegenheit, die wahre Version über den schicksalhaften Abendspaziergang mit Felix zu erzählen? Wie hält seine Verschleierungstaktik den Aufklärungsversuchen der Polizei stand, die wegen möglicher Hunde-Entführung und Erpressung ermittelt? Aus welchen Gründen – Angst, Scham, Schutz, Verletzbarkeit – ziehen wir überhaupt die Lüge der Wahrheit vor; und auf welche Konsequenzen permanenter Lügengeschichten können wir uns trotz penibler Vorsicht niemals vorbereiten? Psychologisch spannend und literarisch äußerst nuanciert umgesetzt kann dieses fesselnde Buch breit empfohlen werden.
Slávka Rude-Porubská
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Nicht
Dror Mishani
Diogenes (2026)
192 Seiten
fest geb.