Die Erfindung des Ungehorsams
Iris lebt in New York und vertreibt sich, ihrem Mann und Bekannten die Zeit, indem sie Geschichten erzählt. Und so erfahren sie die Geschichte von Ling, ihrer Halbschwester, die in China lebt und in einer Fabrik für lebensgroße und lebensechte Sexpuppen
arbeitet. Ling ist autistisch; ihr Leben verläuft streng nach Plan. Aufstehen – zur Arbeit gehen – auf dem Weg nach Hause im Imbiss das immer gleiche Gericht essen – den Abend vor dem Fernseher mit dem immer gleichen Film verbringen. Dieser Ablauf gerät durcheinander, als sie näheren Kontakt zum Wachmann Jon B. bekommt und in den Raum mit den Köpfen versetzt wird. Dort soll sie der englischen Forscherin Nian helfen, durch Sprach- und Verhaltensprogramme und Charakterkonfiguration eine neue Generation von Sexpuppen zu entwickeln. Ada Lovelace, die begnadete Mathematikerin des 19. Jahrhunderts und erste Programmiererin, ist die dritte Frauengestalt in diesem außergewöhnlichen Roman. Ihre Geschichte wird von Harmony erzählt, der Puppe, mit der Nian und Ling gearbeitet haben. Auf subtile Weise wird eine Verbindung zwischen den drei Frauen sichtbar: Selbstbestimmung und Eigensinn durch Erzählen. Kunstvoll und faszinierend in Sprache und Aufbau ist dieser experimentelle Roman ein besonderes Leseerlebnis.
Gabriele Berberich
rezensiert für den Borromäusverein.
Die Erfindung des Ungehorsams
Martina Clavadetscher
Unionsverlag (2021)
276 Seiten
fest geb.
Auszeichnung: Roman des Monats