Der blinde Fluss
Portugiesisch-Ostafrika 1914. Als ein Kanu mit deutschen Soldaten einen portugiesischen Grenzposten überfällt, markiert das den Beginn des Ersten Weltkrieges in dieser Region. Der einzige Überlebende ist der afrikanische Hilfssoldat Nataniel. Um
der Todesstrafe zu entgehen, weil er für den vermeintlich Schuldigen gehalten werden könnte, flieht er. Unterwegs trifft er auf seinen Halbbruder Matias, der auf deutscher Seite als Askari tätig war. Auf der Flucht begegnen beide weiteren Personen: da ist der angebliche Pfarrer Sisnando Baiao, ein Mischling, der seinen Pfarrkindern einen sehr mit traditionellen Religionselementen versetztes Christentum predigt. Da ist seine Lebensgefährtin, die attraktive Zauberin Aluzi, die sowohl dem portugiesischen Capitao Centeno wie dem deutschen Militärarzt Schreiber die Stirn bietet, die Portugiesin Constanca, die sich mit Aluzi anfreundet. Und dann passiert Unerhörtes: Aus allen Büchern und Schrifttücken verschwinden die Buchstaben. Die weißen Kolonialherren sind orientierungslos. Nur die Zauberin ist zuversichtlich: Der alte Glaube der afrikanischen Bevölkerung wird siegen. Doch in der Ferne hört man bereits das Gewehrfeuer der Soldaten. – Mia Couto, Sohn portugiesischer Einwanderer, gehört zur ersten Garde mosambikanischer Schriftsteller. Sein Roman ist sehr metaphorisch, die dramatischen Szenen werden immer wieder humorvoll durchbrochen, die handelnden Personen sind skurril überzeichnete Typen. Durch die Zergliederung des Romantextes in kurze Textstücke, zuweilen kommentiert durch Gedankengänge der handelnden Personen, gewinnt man beim Lesen immer wieder eine gewisse Distanz zum Geschehen. Auf diese Weise schafft Couto ein Werk, das irgendwo zwischen Roman und Mythos das Aufeinanderprallen der Kulturen ebenso gekonnt darstellt wie die für die Betroffenen Afrikaner unheilvolle Kolonialgeschichte. Keine leichte literarische Kost, aber ein faszinierendes Buch, für geübte Belletristik-Leser sehr zu empfehlen.
Günter Bielemeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der blinde Fluss
Mia Couto ; aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita
Unionsverlag (2026)
246 Seiten
fest geb.