Offene Fenster, offene Türen

Ein Dozent an der Jazzschule in seinen besten Jahren und eine 19-jährige Schülerin haben eine Affäre mit, wie es heißt, einvernehmlichem Sex. Das Dumme ist nur, dass darüber ein heimlich aufgenommenes halbminütiges Video in den sozialen Medien Offene Fenster, offene Türen kursiert. Daraus könnte eine mittelmäßige Erzählung über den Machtmissbrauch alter weißer Männer werden. Wird es aber nicht. Dem Schweizer Autor Hansjörg Schertenleib geht es um die Grautöne der öffentlichen Moral, die Gerechtigkeit und Transparenz will, aber allzu oft in die manipulativen und narzisstischen Spielarten einer dominanten Cancel Culture abdriftet. Casper, der Lehrer, und seine kurzzeitige Geliebte Juliette versuchen auf ihre eigene Art mit den Beleidigungen und Beschimpfungen einer empörten Öffentlichkeit fertig zu werden, notgedrungen alleine, auch wegen der ausbrechenden Corona-Pandemie; der Roman spielt in der Jetztzeit. Schertenleib gelingt es, seine Figuren sicher, wenn auch nicht ohne Selbstzweifel durch die ethischen Stürme ihrer Zeit zu navigieren und seine Leser/-innen weiteren Fragen auszusetzen: Muss man die Wahrheit kennen, um lügen zu können? Was ist eine Tatsache wert, wenn es diverse Erzählungen darüber gibt, zum Beispiel zwei Geschichten von der Affäre, verfasst von den Beteiligten selbst? Und weshalb ist es besser, bei Fragen der Moral ein Instrument zu sein statt ein Lautsprecher? Ein lesenswerter Roman!

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Offene Fenster, offene Türen

Offene Fenster, offene Türen

Hansjörg Schertenleib
Kampa (2021)

250 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 605579
ISBN 978-3-311-10064-5
9783311100645
ca. 23,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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