Der Absturz
Der Icherzähler (Alter ego des Autors) erfährt vom Tod des 38-jährigen Halbbruders durch multiples Organversagen wegen Alkoholsucht und empfindet "weder Traurigkeit noch Erleichterung noch Freude". Während er sich unmittelbar auf den Weg zur gemeinsamen
Mutter macht, um ihr und der Schwester bei den nun anstehenden Aufgaben zu helfen, beginnt die Spurensuche: Die gemeinsam erlebte Armut, häufige Arbeitslosigkeit, niedrige Bildung und Einkommen der Eltern auf der einen Seite sowie ihre mangelnde Empathie, Druck bis hin zu körperlicher und psychischer Gewalt, vor allem der Väter, auf der anderen. Die Recherchen bei den Lebenspartnerinnen des Halbbruders zeigen auch einen völlig anderen, zuvorkommenden und liebevollen Menschen – zumindest solange kein Alkohol im Spiel ist. Und hineingewoben in die Lebensgeschichte des seit zehn Jahren nicht mehr Gesehenen bietet Louis psychologische Reflexionen und Zitate zu den Themen Trauer, Melancholie, Geschwisterbeziehungen. All dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Brüder einander nicht kennen, bei aller Sehnsucht "nach einer Erklärung, nach etwas, das Sinn ergibt". – Mit klarer, schnörkelloser, aufrüttelnder Sprache bietet der Autor einen weiteren soziologischen Milieubericht seiner eigenen Familie. Wertvoll auch deshalb, weil die Zusammenhänge zwar oft in Nachrichten und Studien beschrieben, aber weniger literarisiert und noch seltener als Suche nach dem Werden des eigenen Ichs thematisiert werden. Gerne empfohlen.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der Absturz
Édouard Louis ; aus dem Französischen von Sonja Finck
aufbau (2025)
222 Seiten
fest geb.