Angststillstand
Mit seinem neuen Buch macht es der populäre Philosoph und Autor Bewunderern wie Kritikern noch schwerer. Ersteren dürften seine Anklage der zunehmenden Diskurseinengung im öffentlichen Raum missfallen; der Topos gilt als rechtspopulistisch vermint.
Seine Gegner dürften daran zu schlucken haben, dass dies betont im Namen klassisch linker Ideale geschieht. Zwischen den Stühlen ist nicht der schlechteste Platz, wenn es um ein so hohes Gut wie die Meinungsfreiheit geht. Buch und Titel sind ein hochengagiertes Plädoyer für die Überwindung des geistigen Stillstands im Land. Zu viele hätten mittlerweile Angst, Missliebiges zu äußern. Anders als andere Advokaten der freien Rede sieht Precht gesellschaftspsychologische Fehlentwicklungen als Problemverursacher. Er führt dazu Begriffe ein wie die "Axelotlisierung" und "kultureller Kapitalismus", meint damit eine Weigerung weiterer Bevölkerungskreise, geistig erwachsen zu werden, und eine Maximierung des eigenen Prestiges mittels Wuchers mit Sozialkapital zu betreiben. Das ist in seinen Details nicht komplett neu, aber mit Schmiss und dabei geschmeidig formuliert. Der Stil wirkt dicht, ist dabei in angebrachtem Maß redundant, um den Faden nicht zu verlieren. Sicher keine Lektüre für den Nachttisch, das Buch fordert auf jeder Seite die Konzentration des Lesers. Und bleibt bis zum Schluss ein Lesevergnügen, intellektuell wie sprachlich. Empfehlenswert für jeden Bestand.
Werner Wagner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Angststillstand
Richard David Precht
GOLDMANN (2025)
207 Seiten
fest geb.