Die Stadt der Lebenden

Marco Prato und Manuel Foffo sind zwei junge Römer, die sich mit Alkohol und Kokain bis ins Delirium berauschen, Sex haben und nach drei Tagen ununterbrochenem Rausch auf die Idee kommen, den 23-jährigen Luca Varani mit Hammerschlägen und Messerstichen Die Stadt der Lebenden zu Tode zu quälen. Sie manipulieren sich gegenseitig und geraten so in einen Strudel des Bösen. Der eine ist „der exaltierte Sohn eines Kulturmanagers“ und homosexuell, der andere „ein verdruckster Langzeitstudent, Sohn eines rüden Restaurantbetreibers“. Der Autor ist über die Tat, die sich tatsächlich 2016 in Rom ereignet hat, so erschüttert, dass er beschließt herauszufinden, wie das passieren konnte. Die beiden haben nicht getötet, weil sie unter Drogen standen; diese Erklärung wäre für Lagioia zu einfach. Und sie haben auch nicht aus sexuellen Gründen getötet, obwohl die Unterdrückung des eigenen Queerseins in einem Land, in dem die LGBTQI-Community mit Problemen zu kämpfen hat, in dem Buch zur Sprache kommt. Foffo und Prato töten, um zu sehen, wie es ist, einen Menschen zu töten. Weil sie sich stärker fühlen durch die Erniedrigung des Schwächeren. Mit dem Opfer, Adoptivkind einer Familie von fahrenden Händlern, haben sie wenig gemeinsam: Es sind unterschiedliche soziale Schichten mit unterschiedlichen Erfahrungen und Ambitionen. Anhand von polizeilichen Dokumenten, Prozessakten, Interviews mit den Protagonisten und Gesprächen mit Journalisten, die im Text erwähnt werden, rekonstruiert Lagioia den grausamen Mordfall und behält dabei die wahren Namen und Ereignisse bei. Dem Autor geht es um die Erforschung des Bösen; er verbindet die ungewöhnlich grausame Tat ohne Motiv mit dem Charakter der Stadt Rom. Rom ist bei Lagioia nicht die schöne Touristenattraktion, sondern ein korrupter, schmutziger Moloch, der Inbegriff der Sterblichkeit, in der zwei Mörder nachts töten, und wenn dann morgens die Sonne über Rom aufgeht, dann lebt die ewige Stadt einfach weiter. Über 500 Seiten analysiert Lagioia einen sinnlosen Mord – eine Herausforderung für Leser/-innen. Und doch, wer einmal begonnen hat, kommt von der Lektüre nicht mehr los.

Ileana Beckmann

Ileana Beckmann

rezensiert für den Borromäusverein.

Die Stadt der Lebenden

Die Stadt der Lebenden

Nicola Lagioia ; aus dem Italienischen von Verena von Koskull
btb (2023)

507 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 614741
ISBN 978-3-442-75960-6
9783442759606
ca. 25,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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