Gebranntes Kind sucht das Feuer
1986 erstmals auf Deutsch erschienen (s. dnb-BP 86/393), geriet Cordelia Edvardsons (1929-2012) biografischer "Roman", der zu den bedeutendsten Holocaust-Erinnerungsbüchern gehört, wieder in Vergessenheit, war nicht mehr erhältlich und erfuhr durch
das Engagement von Daniel Kehlmann 2023 eine Neuauflage. In drei Teilen, in denen Ort und Zeit immer wieder wechseln, schildert die Autorin eindringlich mit einfachen Worten, aber in sehr distanzierter Haltung - sie spricht von sich nur als "Mädchen" oder "Tochter" - ihre Kindheit in Berlin sowie die grauenvollen Erfahrungen in den Konzentrationslagern - immer jedoch unter dem Aspekt, all das nicht zu nah an sich heranzulassen. Als uneheliche Tochter der deutsch-jüdischen Schriftstellerin Elisabeth Langgässer (1899-1950) und des jüdischen Staatsrechtlers Hermann Heller 1929 in München geboren, wächst Cordelia ohne spürbare Liebe ihrer dominanten, von ihr sehr bewunderten Mutter in Berlin auf und sieht sich durch die das öffentliche wie private Leben immer stärker bestimmenden NS-Rassegesetze als nirgends zugehörig und empfindet große Schamgefühle über ihre prekäre familiäre Situation. Um ihre Tochter vor der drohenden Deportation zu retten, arrangiert Langgässer 1943 für sie mittels Adoption die spanische Staatsbürgerschaft. Von der Gestapo unter Druck gesetzt und gegen die eigene Mutter ausgespielt, unterwirft sich Cordelia den Rassegesetzen und wird nach Theresienstadt und anschließend nach Auschwitz deportiert. Was diese zwei Jahre aufgrund der schrecklichen Erfahrungen mit ihr selbst und mit ihrem Bild von einem menschlichen Miteinander gemacht haben, vermittelt sie in schockierenden, ehrlichen, aufrüttelnden, oftmals schwer zu verkraftenden Erinnerungen. - Überaus lesenswert!
Inge Hagen
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Gebranntes Kind sucht das Feuer
Cordelia Edvardson ; aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein ; mit einem Nachwort von Daniel Kehlmann
Hanser (2023)
141 Seiten
fest geb.