Weit entfernte Väter
Marina wächst in den 1920er-Jahren in einer Welt mit vielen Regeln auf, die sie nicht versteht und gegen die sie rebelliert. Sie ist getauft (die Mutter ist Waldenserin) und trotzdem jüdisch (der Vater stammt aus einer jüdischen Familie) und sucht
die Liebe ihrer strengen Mutter und des unkonventionellen jüdischen Vaters. Als die Mutter nach der Trennung vom Ehemann Marina und ihre Schwester ins faschistische Piemont zur Großmutter gibt, fühlt sie sich entwurzelt, erfindet Freundinnen und Fremden gegenüber Geschichten über ihre Familie. In ihrer Einsamkeit und Andersartigkeit verbringt sie ihre Zeit mit Lesen und führt ein Tagebuch. Sie widerspricht häufig der Großmutter, vor allem deren strenggläubigen Überzeugungen und Regeln. Sie muss sich eine neue Sprache aneignen, in der sie zu ihrer Stimme und ihrer Wut findet. – Jarre erinnert sich rückblickend an ihre schwierige Kindheit und auch an ihre schwierige Ehe, da ihr Mann sie mit vier Kindern häufig allein ließ, und daran, dass sie gerne Lehrerin war, aber nur das Schreiben ihr half, sich selbst zu finden. Sie erinnert sich an ihre „unterschiedlich abwesenden“ Eltern: den Vater, der im Holocaust starb, und die strenge, oft abwesende Mutter. Mit ihrer assoziativen Erzählweise zieht die Autorin die Lesenden in ihren Bann. – Eine lohnende Wiederentdeckung (Erstausgabe in Italien 1987).
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Weit entfernte Väter
Marina Jarre ; aus dem Italienischen von Verena von Koskull
Hanser Berlin (2024)
221 Seiten
fest geb.