Sommer 24
Wie sollen wir umgehen mit den auf uns einstürzenden Krisen (Kriege in Europa, Nahost, Afrika, Klimawandel, moralische Korrektheitsimperative)? Gibt es einen archimedischen Punkt in einer immens beschleunigten Gegenwart? Navid Kermani hat sich auf
die Suche nach einem Referenzort in unübersichtlicher Zeit begeben. Es ist der Sommer 2024, und die Geschichte, die der Autor dafür parat hat, ist ein Roman. Das heißt: Der Ich-Erzähler, der mit den kleinen Geschichten in der großen Geschichte ringt, ist nicht identisch mit dem Autor, aber gewiss wahlverwandt. Er hat sich selbst ermächtigt, mit Fantasie und Einbildungskraft zu erzählen, immer ganz nah dran am Zeitgeschehen und den persönlichen Erlebnissen, die damit verbunden sind. Diese werden von drei Figuren ausgelöst. Da ist Rudolf, ein insolventer jüdischer Galerist in München, Sohn von Holocaust-Überlebenden und -opfern, der kurz vor seinem Freitod noch einmal den Erzähler empfängt und mit seinen radikalen politischen und religiösen Ansichten schockiert. Da ist Olaf, ein linkssozialisierter Jugendfreund, der zum Klimaaktivisten und Empörungs-Multiplikator geworden ist. Und da ist die Geschichte von Julia, die dem Erzähler vor 25 Jahren in einer Kölner Kneipe von ihrer Vergewaltigung berichtet hat. Im ‚Sommer 24‘ wird daraus eine krasse Anschuldigung: Mit seiner Nacherzählung, obwohl stark fiktionalisiert, habe er, der Schriftsteller, sie ein „zweites Mal vergewaltigt“. Navid Kermanis Roman erforscht die Abbruchkanten unserer durchschüttelten Gegenwart. Und macht dabei etwas Wundersames mit der Zeit, indem er sie im Kleinen, das aus den größeren Zusammenhängen heraustritt, selbst erzählen lässt. – Ein Buch des Selbstbefragens und eines unbezähmbaren Selbsterkundens, abseits vom Schulterzucken der Mitte und Imperativ des guten Willens. Sehr empfehlenswert.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Sommer 24
Navid Kermani
Hanser (2026)
156 Seiten
fest geb.