Offener Geist und gläubiges Herz

Eines der wenigen Bücher, die Papst Franziskus während seiner Bischofszeit veröffentlicht hat, ist bezeichnenderweise eine Sammlung von vier Anleitungen zur geistlichen Betrachtung bei Exerzitien. In bester ignatianischer Tradition Offener Geist und gläubiges Herz geht es in allen diesen Texten um eine wahre Begegnung mit Jesus, die wir durch die Heilige Schrift gewinnen können - und damit geht es nach dem Verständnis das Autors um nicht weniger als um das ganze Leben des Menschen, um die tiefste Dimension dieses Lebens. Auch wenn die vier Abschnitte wohl zu einzelnen Anlässen spiritueller Einkehr entstanden sind, gibt ihre nachträgliche Anordnung einen guten Sinn. Thema des ersten Teils sind die Gespräche Jesu, die Bergoglio zufolge unter drei Aspekten unterschieden werden können - je nachdem, ob die Gesprächspartner Jesu ihre Begegnung mit ihm an irgendwelche Bedingungen knüpfen, ob sie auf heimtückische Weise versuchen, ihn in eine Falle zu locken oder ob sie sich ihm vorbehaltlos und "mit offenem Herzen" nähern. Im zweiten Teil geht es um das Offenbarwerden des Herrn in der Geschichte, die sich damit als Heilsgeschichte erweist, die den Vater und den Sohn offenbart, die offenbart, was Sünde ist, aber auch, wer die Braut des himmlischen Bräutigams ist: die Kirche. Aber wie soll die Kirche inmitten der Welt mit all ihren Schwierigkeiten das Kommen ihres Bräutigams in Treue und Zuversicht erwarten können? Der dritte Teil widmet sich dieser Frage anhand einer selten betrachteten Schriftstelle, der Sendschreiben an die sieben Gemeinden aus der Offenbarung des Johannes. Hier werden verschiedenste Arten der Bedrängnis aufgezeigt, die eine christliche Gemeinde treffen können, eine Vielzahl von möglichen Weisen des Fehlverhaltens, noch mehr werden aber auch Weisungen und Tröstungen gegeben. Der ganze vierte Teil handelt schließlich vom Beten, Voraussetzung dafür, unser Leben in die Gegenwart Gottes zu stellen. Das Gebet wird hier erklärt als Zugang zu Gott, und zwar als Zugang wirklich "von Person zu Person", aber auf eine Art und Weise, die "das Persönlichste von uns selbst mit dem Universalsten vereint", uns als Personen hineinnimmt in die Gemeinschaft aller Glaubenden, das Gebet auch weitet von der Bitte zur Fürbitte, zum Dank und Lobpreis. Angesichts dieser besonderen Bedeutung, die Papst Franziskus ganz offensichtlich dem Gebet beimisst, überrascht es nicht, dass im ersten und vierten Teil des Buches jeder Abschnitt mit einem Impuls "Zur vertiefenden Betrachtung im Gebet" schließt, jedes Kapitel im zweiten Teil mit einem ausformulierten Gebet. - Ein Buch voller tiefer Anregungen, die man wohl erst bei mehrfacher Lektüre ganz ausschöpfen wird.

Thomas Steinherr

Thomas Steinherr

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Offener Geist und gläubiges Herz

Offener Geist und gläubiges Herz

Jorge Mario Bergoglio
Herder (2013)

299 S.
fest geb.

MedienNr.: 382579
ISBN 978-3-451-32709-4
9783451327094
ca. 10,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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