Der Unvollendete
Der versierte Vatikanist Marco Politi legte zum sich damals abzeichnenden Ende des Pontifikats von Papst Franziskus eine Bestandsaufnahme vor; dass Franziskus am Ostermontag 2025 sterben würde, war da noch nicht abzusehen. Kapitelweise werden alle
wesentlichen Arbeitsfelder des Papstes aus Argentinien durchleuchtet. Die Rolle der Frau in Verkündung und Diakonat, justiziable Finanzgeschäfte des Vatikans, Konflikte um die Liturgie oder die Aufwertung des Globalen Südens sind einige Beispiele. Franziskus sei nach fast dreizehn Amtsjahren von langen Grabenkämpfen zermürbt, auch wenn er erfolgreich Breschen in die Verkrustungen der Kirche geschlagen habe. Das Buch schließt mit dem Wunsch nach einem Raphael als Amtsnachfolger. Das bedeutet im Hebräischen "Gott heilt". – Der Autor plädiert bei jedem dargestellten Themenkreis ohne Vorbehalte für die Linie von Papst Franziskus. Die Pontifikate der beiden Vorgänger im Amt werden kritisch gesehen ("Wojtyla-Ratzinger-Ära"). Die Sprache des Buches ist dicht, bietet jede Menge Spannungsbögen; Charakterzeichnungen und Faktenfülle belegen Politis Kenntnisreichtum. Wer einen knackigen Überblick zur Lage der Weltkirche heute bekommen möchte, findet kaum Besseres. Das Werk kann sowohl als Leistungsnachweis von Papst Franziskus gelesen werden, wie als Liste der dringlichsten Aufgaben für seinen Nachfolger. Allein die zuweilen pausbäckig vorgetragene Bewunderung des Autors für Papst Franziskus irritiert. Auch für kleinere Bestände geeignet.
Werner Wagner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der Unvollendete
Marco Politi ; aus dem Italienischen von Gabriele Stein
Herder (2025)
237 Seiten
fest geb.