Zwischen Himmel und Erde
2016 kommt die Brasilianerin Catarina nach London, um ihre Doktorarbeit zu beenden. Sie freundet sich mit ihrer Wohnungsgenossin Melissa an, deren Mutter Brasilianerin ist. Die beiden jungen Frauen sind politisch engagiert, beteiligen sich an Protestmärschen
sowohl gegen den Brexit und Grenfell als auch gegen die Politik in Brasilien und die Absetzung der Präsidentin Dilma Roussef. Die Freundschaft zwischen Melissa und Catarina wird in Dialogen dargestellt, in unvollständigen Sätzen ohne Satzzeichen. Auch die Rückblenden in die Kindheit der beiden bestehen hauptsächlich aus parataktischen kurzen Sätzen. Die Autorin wechselt die Stile, mischt Erzählung und direkte Rede, baut Liedtexte, Rezepte und Gedichtfragmente ein, z.T. auch auf Portugiesisch. Das macht die Lektüre anstrengend und herausfordernd. Dazwischen nimmt die Autorin die Lesenden mit in die Vergangenheit zu Melissas und Catarinas Jugend, dann noch weiter ins Brasilien der 1970er, zur Militärdiktatur. Die Anmerkungen am Schluss sind daher hilfreich zum Verständnis und sollten vor Beginn der Lektüre gelesen werden. Der Originaltitel (“There are more things …”) ist der erste Teil eines Shakespeare-Zitats, dessen zweiter Teil (“in heaven and earth”) – weniger überzeugend – als deutscher Titel übernommen wurde. Ein anspruchsvoller Text auf 500 Seiten, in dem die Leser/-innen viel über Brasilien und über die Familiengeschichte der Protagonistinnen erfahren – und auch eine Geschichte über Freundschaft.
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Zwischen Himmel und Erde
Yara Rodrigues Fowler ; aus dem Englischen von Maria Meinel
Hoffmann und Campe (2023)
524 Seiten
fest geb.