Oma Jever
Der Icherzähler Martin Schlosser (*1962) erzählt die Lebensgeschichte seiner Großmutter Emma Lüttjes (1906-1996). Sehr zahlreiche Briefzeugnisse zwischen Mutter, Ehemann, Kinder und Enkeln sowie Dokumente aus Medien und öffentlichen Verlautbarungen
manifestieren die zeitgeschichtlichen Entwicklungen. Hineingewoben in diese Familiengeschichte mit fünf Töchtern, zehn Enkeln und drei Urenkeln wird das Schicksal der jüdischen Metzgerfamilie Levy, für die die Familie Lüttjes weder in der Zeit des Nationalsozialismus noch in den Jahrzehnten danach einen Finger krumm macht. Den Alltag von Emma als Lehrersgattin dominieren ihre Sorgen um die Ernährung und Ausbildung der Familienmitglieder, dem Pflegen des lokalen Netzwerkes und später dem Zusammenhalt der in Deutschland und England verstreuten Familie. Durch ihren Fleiß und den Ertrag des großen Gartens ist für gutes Essen offensichtlich immer – auch in den Kriegs- und Nachkriegsjahren – gesorgt. Der bis zur Einführung des Telefons intensive Briefaustausch lässt die Entwicklungen gut nachvollziehen. Der Autor, ebenfalls 1962 geboren, verbindet die Zeugnisse und Dokumente mit kurzen verbindenden Texten, in denen er auch kritische Kommentare aus der historischen Distanz zu Geschehenen einarbeitet. – Henschel ist durch seine bisher zwölfteilige stark autobiografische Romanserie bekannt und vielfach ausgezeichnet. „Oma Jever“ ist kein Roman im gewohnten Sinne, von einer erzählerischen Idee außerhalb des Biografischen kann keine Rede sein. Das von seinem Icherzähler mehrfach erwähnte Familienarchiv, das ihm nach und nach zuwächst, erscheint zumindest nicht als fiktionaler Stoff, sondern als Dokumentensammlung, worauf auch das fundierte Quellenverzeichnis zur deutschen Nachkriegsgeschichte insbesondere Frieslands hinweist. Die Kommentierungen des Ich-Erzählers bilden keine durchgängige Position aus – ggf. aus familiärer Befangenheit. Eine Art unterhaltsames Zeitzeugnis, für größere Bestände.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Oma Jever
Gerhard Henschel
Hoffmann und Campe (2026)
319 Seiten
fest geb.