RCE.

Die ganze Welt ist von digitalen Servern beherrscht. Die ganze Welt? Nein: In Sibylle Bergs Dystopie „RCE“ hört eine kleine Gruppe von jungen Nerds nicht auf, dem Monopol der Maschinen Widerstand zu leisten. Und das ist nicht einfach in einem RCE. Zustand vollständiger Kontrolle, in der Nanochips die Gesundheit überwachen, die Arbeitszeit im Alter von 40 endet, der Wohnraum auf vier Quadratmeter reduziert und der Schlafraum in Tag-Nacht-Einheiten geteilt ist. Hinzu kommt eine Klimadauerkrise mit Überschwemmungen und Bränden. Die Städte sind verödet, der postkapitalistische Markt kennt keine Demokratie, und diese Staatsform schreibt jedem und jeder die Identität vor. In diesem düsteren Zukunftsmilieu machen sich fünf Nerds im reichsten Land der Welt, der Schweiz, daran, den allgegenwärtigen Feind mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, mit Hacker-Angriffen, Cyber-Attacken, Falsch-Informationen, Verschwörungstheorien, kurzum mit der Remote Code Execution, mit der die Angreifer aus der Ferne im Zielsystem steuern können. Der Roman „RCE“ ist die Fortsetzung von Sibylle Bergs „GRM/Brainfuck“ (2019) und mittlerer Teil einer Trilogie. Wir können gespannt sein, wie der nächste Roman aus diesem düsteren Datendschungel ausgehen wird. Dieser jedenfalls lässt Hoffnung, dass der Versuch, eine maschinell irregeleitete und nur scheinbar ‚woke‘ Menschengesellschaft noch einmal zu retten, gelingen könnte, zumindest partiell. Daran lassen nicht zuletzt der eilige Stil, die flüssigen Übergänge zwischen den Kurzkapiteln und die knallbunte Cyber-Ästhetik kaum einen Zweifel. Ein lesenswertes, manchmal anstrengend komisches, aber durchgehend zupackendes Buch über eine unheimliche neue Datenwelt.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

RCE.

RCE.

Sibylle Berg
Kiepenheuer & Witsch (2022)

694 Seiten : Illustration
fest geb.

MedienNr.: 608273
ISBN 978-3-462-00164-8
9783462001648
ca. 26,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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