Die Frau an der Bushaltestelle
Sebastian ist über 80, als ihm ein angefangener Brief an einen Jugendfreund in die Hände fällt. Er erinnert sich: Nick und er sind Mitte der Sechziger Jahre in Berlin in dieselbe Frau verliebt. Isabel hat eine Ausstrahlung, der sich kaum jemand
entziehen kann. Während Nick mit Isabel eine Liebesbeziehung eingeht, ist Sebastian derjenige, mit dem sie Probleme besprechen kann. Isabel ist kurz vor dem Mauerbau aus der DDR geflohen und sucht nach Halt. Nick und Sebastian träumen von einer Schriftstellerkarriere. Das Verhältnis zur Elterngeneration, die sich Fragen nach ihrer Nazivergangenheit verschließt, ist schwierig. In privaten und gesellschaftlichen Begebenheiten zeigt sich der Widerstand der Jugend gegen die fehlende Aufarbeitung und überkommene gesellschaftliche Normen. Sebastian, der eine beobachtende Position einnimmt, muss entsetzt zusehen, wie sich ein Teil seiner Freunde politisch radikalisiert. Er schafft es nicht, Isabel davon abzuhalten, in den bewaffneten Untergrund zu gehen. – Der deutsche Autor Schneider (Jahrgang 1940) blättert in seinem aktuellen Roman ein Kapitel deutscher Geschichte auf. Im Duktus eines alten Mannes erzählt er unaufgeregt von Studentenprotesten, von freier Liebe, Musik und von der Sinnsuche dreier junger Menschen. Gerne empfohlen!
Susanne Emschermann
rezensiert für den Borromäusverein.
Die Frau an der Bushaltestelle
Peter Schneider
Kiepenheuer & Witsch (2025)
309 Seiten
fest geb.