Ein Ort, der bleibt
Historisch belegte Geschichte aus den 1930er-Jahren um den deutschen Botaniker Alfred Heilbronn und seiner Familie aus dem westfälischen Münster, Gründer des ältesten botanischen Gartens, dem „Alfred Heilbronn Botanik Bahcesi“, in Istanbul
mit fiktiven Elementen angereichert. In drei Erzählsträngen wird der inzwischen geschlossene erste türkische botanische Garten anhand von drei Frauenschicksalen zum Blühen erweckt: Dr. Magda Heilbronn, die 1933 mit Mann und Kindern, von den Nazis vertrieben, in einem gänzlich neuen Kulturkreis am Bosporus zurechtkommen muss. Die junge türkische wissenschaftliche Mitarbeiterin des Professors Alfred Heilbronn, Mehpare, die für die Botanik „brennt“, vor allem für die neue Wissenschaft der Genetik. Und die junge (fiktive) Stadtplanerin Imke aus Münster, die mit einem Kollegen ein Gutachten zum heute geschlossenen Gelände des ehemaligen botanischen Gartens erstellen soll. Gründlich recherchiert und mit Leidenschaft erzählt dieser Generationenroman, wie ein Westfale und seine Familie nach 1933 versuchen, in einer neuen Kultur am Bosporus zu „wurzeln.“ Dank Atatürks Hochschulreform konnten über 100 deutsche Wissenschaftler und ihre Angehörigen dem Holocaust entfliehen und weiter privilegiert ihre wissenschaftliche Karriere vorantreiben. Dabei liegt das Hauptaugenmerk des Romans auf den Leben der drei unterschiedlichen Frauen, die nach Selbstständigkeit und Anerkennung streben. Süffiges Lesevergnügen auf geschichtlicher Basis zwischen Deutschland und der Türkei gestern und heute – durchaus politisch. Ein Stück türkisch-deutscher Wissenschaftsgeschichte. Empfehlenswert auch zum Thema der Dokumentarfilm „Haymatloz“ von Eren Önsöz von 2016, in dem auch der Sohn von Professor Heilbronn porträtiert wird, als der Garten noch zugänglich war.
Ein Ort, der bleibt
Sandra Lüpkes
Rowohlt Kindler (2026)
494 Seiten
fest geb.