Ein ganz kleines Glück
Camille, eine junge, offene, tolerante Pariserin, "modern, gegen die Todesstrafe und für die Homo-Ehe, politisch links und für das Recht auf Abtreibung", wird von ihrer Schwangerschaft, "einer kleinen Kondom-Havarie", völlig überrascht, ihr Freund
verlässt sie. Sie erkundigt sich nach den Formalitäten einer Abtreibung, zu der ihr ihre Mutter rät. Alle reden ihr ein, dass sie das nicht alleine schaffen kann, aber sie zweifelt. Sie hat keine gesicherte Arbeit, lebt in einer Dachkammer allein - kein guter Zeitpunkt für ein Baby. Doch gibt es überhaupt einen richtigen Zeitpunkt? Camille durchleidet emotionale Wechselbäder, lässt aber schließlich die Frist für eine Abtreibung verstreichen. - Der Leser folgt Camilles Gedankengängen, ihren Zweifeln, ihrer Unentschiedenheit. Ein Protokoll ihrer Empfindungen vom Beginn der Schwangerschaft bis zur Geburt. Als sie sich an den Gedanken, ein Kind zu haben, gewöhnt hat, spricht sie direkt mit dem Ungeborenen und erklärt ihm ihre Gedanken. Die Erzählung mutet ein wenig rosarot an; es wird kaum ein Gedanke daran verschwendet, WIE die junge Frau ihr Leben mit Kind meistern will. Dennoch ein anrührendes, Mut machendes und schön zu lesendes - weil selbstironisch und undramatisch geschriebenes - Plädoyer für die Entscheidung, ein Kind auszutragen. (Übers.: Maja Ueberle-Pfaff)
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Ein ganz kleines Glück
Camille Anseaume
List (2015)
218 S.
fest geb.