Großer Bruder

Die mehrfach preisgekrönte US-amerikanische Autorin ist es gewohnt, gesellschaftspolitisch brisante Themen anzupacken. So auch hier, wo das Thema Fettsucht in aller Drastik geschildert wird. Shriver hatte 2009 ihren Bruder Greg verloren, der an den Großer Bruder Folgen seiner Adipositas verstarb. Dieses Ereignis hat sie zu ihrem neuesten Roman inspiriert: Die Ich-Erzählerin Pandora, Edisons jüngere Schwester, setzt nach langem inneren Kampf sogar ihre Ehe und Familie aufs Spiel, weil sie gegen den Willen ihres manisch ernährungsbewussten Ehemannes die Familie verlässt, vorübergehend zu ihrem kranken Bruder zieht und ihm in aufopferungsvoller Weise bei einer brutalen Abmagerungskur zur Seite steht. Der Erfolg dieser in allen Einzelheiten (manchmal ermüdend ausführlich) geschilderten Fastenkur wird bei einer großen Party gefeiert; auch die Ehe kommt wieder ins Lot und alles scheint sich zu Guten zu wenden. Da überrascht die Ich-Erzählerin mit der lapidaren Feststellung, dass dieser harmonische, den Leser befriedigende Schluss bloße Fiktion gewesen sei: "Es tut mir leid. Ich kann so nicht weitermachen. Es war alles gelogen." (S. 324) - Dieser trotz mancher Längen spannend erzählte, tief berührende und zum Nachdenken anregende Roman ist vor allem auch deshalb interessant, weil er Essstörungen nicht nur als Konsequenz mangelnder persönlicher Disziplin betrachtet (so wie der Ehemann Pandoras es interpretiert), sondern deren gesellschaftlichen und individualpsychologischen Hintergründen nachspürt. Auch die durchaus brisante moralische Frage steht im Raum, wie weit innerfamiliäre Solidarität eigentlich gehen muss. (Übers.: Susanne Hornfeck)

Großer Bruder

Großer Bruder

Lionel Shriver
Piper (2014)

334 S.
fest geb.

MedienNr.: 396983
ISBN 978-3-492-05625-0
9783492056250
ca. 19,99 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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