Sonnenaufgang Nr. 5
Jonas will sich als Ghostwriter selbständig machen. Auf seine erste Annonce hin meldet sich eine Frau aus einem Dorf an der Nordseeküste. Er macht sich auf den Weg und trifft Stella Dor, eine etwas extravagante, in die Jahre gekommene Filmdiva. Sie
lebt in der "Krabbe", einem abseits gelegenen, ehemaligen Strandrestaurant. Umgeben ist sie von Büchern, in denen eine sehr umfangreiche Zettelsammlung steckt, aus der Jonas nun eine Biografie machen soll. Im Dorf gibt es außer Stella Dor noch eine ganze Reihe anderer skurriler, jedoch sehr liebenswerter Menschen. Eine alte Frau, die täglich an der Bushaltestelle wartet, um die Ansage ihres verstorbenen Mannes zu hören. Ein Maler, der als Pädagoge gescheitert ist und seitdem Sonnenaufgänge malt und ein alternder Verehrer der Diva, der sehnsüchtig darauf wartet, dass sie endlich einmal mit ihm tanzt. Von Anfang an aber fühlt Jonas sich zu Nessa hingezogen, die in einem Fahrradladen und einer Imbissbude aushilft. Je mehr Jonas in das Leben der Diva eindringt, desto mehr beginnt er an der Wahrhaftigkeit ihrer Erinnerungen zu zweifeln. Als Nessa für Jonas den Kontakt zu einer ehemaligen Schauspielkollegin und sogar zu ihrem getrennt lebenden Mann herstellt, wird manches klar. Stella Dor erträumt sich ein Leben, das sie so nicht führen konnte. Den Tod ihres Sohnes, dem Jonas verblüffend ähnlich sieht, interpretiert und verarbeitet sie auf ganz eigene Weise. Aber auch Jonas und die aus Thailand stammende Nessa haben brüchige Lebensgeschichten. Am Ende kann Stella ihr gelebtes Leben, wie Jonas es beschreibt, akzeptieren. Sie kehrt zu ihrem Mann zurück, Jonas und Nessa werden natürlich ein Paar. – Ein echter Wohlfühl-Roman, der nicht mit Emotionen spart und für alle Büchereien zu empfehlen ist.
Josef Schnurrer
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Sonnenaufgang Nr. 5
Carsten Henn
Piper (2025)
286 Seiten
fest geb.