Die Unvollkommenheit des Glücks
Clara Maria Bagus studierte Psychologie und arbeitete einige Zeit in der Hirnforschung. Ihre Erzählkunst berührt emotional, rüttelt auf und fesselt – dringt in die Tiefe des Menschseins vor. Ihr Thema ist der russische Angriffskrieg auf die Ukraine,
den wir Konsumenten von Medienberichten, Filmen und Fotos relativ anonym erleben, da in der Regel keine persönliche Betroffenheit aufkommt. Das ändert sich mit dem allmählichen Kennenlernen der beiden Hauptfiguren und ihrer Wandlung von Ichbezogenheit und Selbstmitleid zu sozial verantwortlichen und reifen Menschen. Begegnet sind sich Ana und Lew nur zweimal im Leben, aber die einmal entflammte Liebe blieb über viele Jahre lang in ihren Herzen lebendig. Jedenfalls formt die Autorin den Romanstoff so einfühlsam, dass selbst unwahrscheinliche Fakten für die Leser durchaus denkbar sind. Die Realität mit ihrer Logik tritt in den Hintergrund, damit diese hoffnungsvolle Erzählung emotional fühlende Menschen in ihren Bann ziehen kann. Literarisch auf einem hohen Niveau, in packender, bildreicher Sprache und mit intelligenten, lebenswichtigen Aussagen lässt die Autorin ihre eigenen verinnerlichten Kenntnisse in Psychologie, Neurobiologie und Philosophie auf fesselnde Weise einfließen. Nicht zu vergessen, die Ermahnung an die Welt, am Leiden von Kriegsopfern Anteil zu nehmen, in welcher Form auch immer.
Gudrun Schüler
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Unvollkommenheit des Glücks
Clara Maria Bagus
Piper (2024)
414 Seiten
fest geb.