Reine Farbe

„Heute erwärmt sich die Erde im Vorgriff auf ihre Zerstörung durch Gott, der entschieden hat, dass die erste Version des Daseins zu fehlerhaft war“. Dieser Beginn des Romans ist ein Überraschungs-Coup: Die Autorin teilt die Menschen in drei Reine Farbe Gruppen ein: aus einem Vogelei Geborene, aus Fischlaich Entstandene und Nachkommen von Bären. Solange Gott noch keine bessere Version der Welt erschafft, müssen die Menschen miteinander auskommen und in einer Welt überleben, in der oberflächliche Kontakte und Umweltzerstörung die Gesellschaft zersetzen. „In der ersten Version des Daseins erschufen wir uns unsere eigenen zweiten Versionen - Geschichten, Bücher, Filme ..., um Gott und einander zu zeigen, wie die nächste Version unserem Wunsch nach aussehen sollte“. Die Protagonistin ist die „vogelgleiche“ Mira, hin- und hergerissen zwischen ihrer „Liebe zur rätselhaften Annie“, die einem Fisch gleicht, und ihrem „Vater, einem warmherzigen Bären“, dessen Tod sie nicht verwinden kann. Der Roman verbindet Miras Suche nach Liebe mit Märchen- und Fabelelementen (Mira wird zu einem Blatt und findet so ihren Vater wieder: „War etwas falsch daran, dass die Seele ihres Vaters nach seinem Tod in sie eindrang?“), mit metaphysischen Überlegungen, Reflexionen zu Kunst und Künstlern, Gedanken an eine künftige bessere und an die Schönheit der ersten unvollkommenen Welt, und mit klarer Kritik an der Gegenwart. Eine originelle, fantasievolle und sehr bildhafte Geschichte für anspruchsvolle Leser/-innen mit Interesse für Mystisches.

Ileana Beckmann

Ileana Beckmann

rezensiert für den Borromäusverein.

Reine Farbe

Reine Farbe

Sheila Heti ; aus dem Englischen von Thomas Überhoff
Rowohlt (2023)

219 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 614867
ISBN 978-3-498-00247-3
9783498002473
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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