Sprich mit mir
Giovanna hat sich ganz von ihrer Umwelt zurückgezogen. Die Mitt-Sechzigerin lebt in einem Apartment in Rom, die Nachbarwohnung stand lange leer. Ihr ständig gleicher Tagesablauf wird unterbrochen, als eine Familie neben ihr einzieht. Neugierde macht
sich breit, sie saugt fast begierig alles auf, was sie sieht und hört, und schreibt es auf. Als der Nachbarsohn sich ausschließt, hilft Giovanna ihm, wird zum Essen eingeladen, fängt an, auf die kleine Tochter aufzupassen … Das Bild der einsamen älteren Frau wird immer wieder durch Andeutungen gestört: Sie hatte ein Projektil in der Leber, sie saß jahrelang im Gefängnis. Die Autorin versteht es, die Lesenden in dieses einsame Leben zu ziehen, langsam wird klar, dass Giovanna an der Gewalt und dem Terror der 80er-Jahre, der bleiernen Jahre, in Italien beteiligt war. Am Ende eskaliert die Situation, aber Giovanna ist jetzt nicht mehr allein. Ein lesenswertes Buch.
Ruthild Kropp
rezensiert für den Borromäusverein.
Sprich mit mir
Lidia Ravera ; aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Rowohlt (2023)
366 Seiten
fest geb.