Gleißendes Licht
Als Kaans Mutter vor seiner Geburt aus der Türkei nach Deutschland kam und seinen deutschen Vater heiratete, hatte sie bereits das Trauma ihrer Familie im Gepäck: Ihre Mutter hatte den Genozid an der armenischen Bevölkerung als Waise überlebt und
einen reichen türkischen Unternehmer geheiratet, der vom Genozid profitiert hatte. Kaan wächst mit den erzählten und nicht erzählten Geschichten der Großeltern auf und spürt die sichtbaren und unsichtbaren Wunden. Sie machen aus ihm einen traurigen und oft wütenden Mann, woran auch seine große Liebe scheitert. Da die Vergangenheit ihn nicht zur Ruhe kommen lässt, schmiedet er als erfolgreicher Musiker in Istanbul einen Racheplan, der seine und die Schmerzen seiner Familie heilen soll. Die Episoden, in denen der Autor seinen autobiografisch geprägten Debütroman erzählt, springen von der Zeit der Weltkriege, in die Jugendzeit des Protagonisten in den 80er-Jahren bis in die Gegenwart. Als Schauplätze dienen Trabzon am Schwarzen Meer, München und Istanbul. Ein eindrückliches Buch, das die Macht der Erinnerung hervorhebt und zeigt, wie Traumata in einer Familie weitergegeben werden. Ein poetisches, nicht einfaches Buch, das dennoch gerne empfohlen wird.
Barbara Dorn
rezensiert für den Borromäusverein.
Gleißendes Licht
Marc Sinan
Rowohlt (2023)
268 Seiten
fest geb.