Heim.Statt
Gedichte von Esther Kinsky der "Naturlyrik" zuzuordnen, hieße sie vollkommen misszuverstehen. Zeilen zu hellblühenden Blumen, dunklen Wäldern und beruhigend dahin plätschernden Flüssen wird man hier nie finden, obwohl immer wieder von Pflanzen,
von Vögeln, von Bäumen, von Felswänden und Spuren im Schnee die Rede ist. Man muss sich bei der Lektüre dieser Gedichte auch auf einen gelegentlich mühsamen Weg durch ein Dickicht neuer, fantasiereicher Wörter einstellen. Das beginnt bereits mit dem aus zwei durch einen Punkt getrennten Wörtern geformten Titel. "Heimstatt" ist ein altes, heute allerdings kaum noch verwendetes Wort für eine festgefügte, an einen Ort gebundene Heimat. Der Titel lässt sich aber auch umgedreht als "Statt Heimat" lesen. Und dann ist man schon etwas näher an der Grundthematik dieses Gedichtbandes. Ohne im vordergründigen Sinn politisch anklagend zu erscheinen, geht es in den mal in einer lyrischen, mal in einer prosaischen Form verfassten Texten (plus einigen fremdsprachigen Zitaten) um sehr aktuelle "Überlebensthemen" unserer Zeit. Von Fluchten, von zerstörten Heimaten, von unverständlichen Wörtern einer fremden Sprache ist die Rede. "Bei Nordwind wird der Duft der Rosen beiderseits des Flusses Tisza bis nach Serbien getragen. Die jungen Männer auf der Südseite des Grenzzauns schließen die Augen. Sie halten den Duft für einen Hauch vom Paradies". Man könnte denken, hier handelt es sich um durch und durch schwarz gefärbte, dunkel klagende Texte, die sich einreihen in den apokalyptischen Grundton der Epoche, in der wir leben. Aber dass die Autorin Seite für Seite, Gedicht für Gedicht nach einer literarischen Sprache sucht, mit der wir die Zerstörung unserer Heimstatt, vor allem aber die der weltweit Flüchtenden in Worte fassen können, ist bereits ein Moment des Widerstands, der der Literatur wie der Kunst überhaupt möglich ist. Vielleicht gibt es ja jenseits von den Ruinen verlorener Heimat noch eine "Heim.Statt" in der Literatur...
Carl Wilhelm Macke
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Heim.Statt
Esther Kinsky
Suhrkamp (2025)
155 Seiten
fest geb.