Die Suche nach Zusammenhalt
Unsere Gesellschaft, so hört man oft, bricht auseinander; kaum mehr ein Thema, für das es noch einen gesellschaftlichen Konsens gibt. Diese Diagnose hat unendlich viele, gut gemeinte Lösungsvorschläge gefunden; und auch der Titel dieses Buches
scheint in diese Richtung zu gehen. Umso überraschter ist man, wenn man feststellt, dass nicht das Wort "Zusammenhalt", sondern "Suche" den Inhalt bestimmt. "Suche" meint der Autor durchaus ganz wörtlich: Er verlässt den philosophischen Elfenbeinturm und begibt sich an die kritischen Ränder der Gesellschaft, dorthin, wo extremer Dissens regiert und Gegensätze aufbrechen. Diese will er nicht glattbügeln, sondern gerade in ihrem unversöhnlichen Eigensein herausstellen, wenn er z.B. in mondänen Berliner Vierteln Obdachlose interviewt oder die Cancel Culture mit dem Dogma der absolut freien Rede konfrontiert. Könnte der gesuchte Zusammenhalt also gerade darin liegen, dass man die Extreme "sein" lässt und in permanenter Mühsal Wege "dazwischen" sucht? Ein exzellentes Beispiel dafür: die nationale Identität, die mit dem Gegenprinzip eines integrativen Staatsmodells konfrontiert wird. Auch hier sieht Schmid im Verstehen beider Modelle einen ersten wesentlichen Schritt, um den Gegensätzen das Konfrontative zu nehmen und diskursiv um Lösungen zu ringen. Zusammenhalt ist und bleibt eine immer nur im Einzelnen zu bewältigende Aufgabe! Ein interessanter Diskussionsbeitrag.
Richard Niedermeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Suche nach Zusammenhalt
Wilhelm Schmid
Suhrkamp Verlag (2025)
469 Seiten
fest geb.