Die Perfektionen
Anna und Tom ziehen nach ihren Studienabschlüssen weg von ihren konservativen italienischen Familien nach Berlin in der Hoffnung, hier die ersehnte Freiheit zu finden, kreativ zu arbeiten, weder an Schreibtische noch an Konventionen gebunden zu sein.
Ihr Traumleben ist das einer ganzen Generation: "man trinkt den Kaffee auf dem Balkon … gießt die Pflanzen …, Yoga, Sushi, Falafel, Laptop, Arbeit … ohne Last und Zwang." Die beiden Mittzwanziger brauchen zunächst wenig Geld, Mieten und Lebenshaltungskosten sind günstig. Sie stürzen sich in das aufregende Nachtleben von Berlin-Mitte, Friedrichshain und Prenzlauer Berg und lernen bald andere "Expats" kennen. Sie treffen sich in Bars, Kneipen, Clubs und Kunstgalerien. Doch Berlin verändert sich im Laufe der Zeit: Mieten und Lebenshaltungskosten steigen und "die Neuankömmlinge kamen immer seltener aus Spanien, Frankreich, Italien und immer öfter aus Bayern oder den Vereinigten Staaten". Anna und Toms Freundes- und Bekanntenkreis schrumpft, da viele sich Berlin nicht mehr leisten können. Das Paar muss nun mehr arbeiten, hat weniger Zeit. Zudem verspüren Anna und Tom eine schleichende Leere. Denn "nicht immer entsprach die Wirklichkeit den Bildern". Die Flüchtlingskrise 2015 gibt ihnen den Anstoß, ihren Traum von Unabhängigkeit anderswo zu suchen, z.B. in Lissabon. Doch müssen sie bald feststellen, dass sich das Leben dort nicht von Berlin unterscheidet. Der italienische Autor, der selbst in Berlin lebt, hat ohne Dialoge, ohne Analysen und ohne Emotionen eine sehr präzise Geschichte über das vermeintliche Traumleben von digitalen Nomaden geschrieben und dabei die Entwicklung Berlins des letzten Jahrzehnts geschildert. Dies wird kombiniert mit der Entwicklung der sozialen Medien, die immer mehr den Alltag der Generation von Anna und Tom dominieren. Die Geschichte endet mit einem leicht ironischen Happy End: "Es ist alles perfekt ... wie auf den Bildern". Sehr empfohlen.
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Die Perfektionen
Vincenzo Latronico ; aus dem Italienischen von Verena von Koskull
Claassen (2023)
124 Seiten
fest geb.