Buch des Flüsterns
Der Ich-Erzähler wächst nach dem Krieg in einer rumänischen Stadt an der Moldau auf. Er erinnert sich an seine Kindheit, an die Gerüche, an Großmutters Backkünste und ihren Kaffee und vor allem an seine Großväter, von denen er die Geschichte
der weitverzweigten Familie hört: Als armenische Flüchtlinge sind sie in der ganzen Welt verstreut. Das Kind sitzt unter dem Tisch und lauscht den geflüsterten Erzählungen der Großväter. Folglich wird nicht linear berichtet, der Autor springt kreuz und quer durch das 20.Jh. und entfaltet ein farbenfrohes Kaleidoskop von eindrucksvollen Charakteren, die zwei Weltkriege, Deportationen, Massaker und entsetzliche Grausamkeiten, Exil und Repatriierungen miterlebt haben. Im Rumänien unter Ceausescu bilden die Armenier eine Gemeinde, die sich nur heimlich und flüsternd über wichtige Nachrichten unterhält. Viele waren Kaufleute. So wird von "Onkelchen Simon" berichtet, der sich mit seiner Familie in die Sowjetunion repatriieren ließ, weil er Sehnsucht nach der Heimat hatte, und von dem Elend, das sie dort vorfinden. Die armenischen Familien in Rumänien waren zwar arm, aber sie errichteten z.B. wunderbare Kirchen und Klöster im Moldaugebiet. Fotos sind für die weitverzweigte Familie wichtig, sie stehen überall, auch auf dem Friedhof und geben dem Erzähler den Anstoß, die jeweiligen Lebensläufe zu schildern. - Die fabulierfreudige Familiensaga "erzählt von Menschen, die durch unvorstellbares Leid gegangen sind ... (,) erzählt von den Besiegten". Der Autor ist rumänischer Wirtschaftsminister armenischer Abstammung. Mit der Geschichte seiner Familie beschreibt er sprachmächtig das Schicksal des armenischen Volkes im 20. Jh. Es sind berührende Geschichten von Vertreibung, Vernichtung, Folterungen, Hunger, tragisch und komisch zugleich. (Übers.: Ernest Wichner)
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Buch des Flüsterns
Varujan Vosganian
Zsolnay (2013)
508 S.
fest geb.