Beides sein
Beides sein: nämlich Vergangenheit und Gegenwart, hier und dort, Tod und Leben ... ist das Programm dieses in England mehrfach preisgekrönten Romans der schottischen Autorin, der wie selbstverständlich alle Dimensionen unserer herkömmlichen Anschauungen
sprengt. Man sollte diesen Roman idealerweise in Ferrara, im Palazzo Schifanoia im Saal der berühmten Monatsbilder, bzw. in der National Gallery in London lesen. Oder zumindest die Reproduktionen vor Augen haben, denn die drei Fresken des Renaissancemalers Francesco del Cossa (1436-78), der den "Palast gegen die Langweile" im Auftrag von Borso d'Este maßgeblich ausgestaltet hat und das Bildnis des Hl. Vincenzo Ferreri, stehen ganz markant im Zentrum. Die 16-jährige George, ein modernes englisches Mädchen aus Cambridge, hatte mit ihrer inzwischen verstorbenen Mutter diese Kunstwerke besichtigt. Beide waren tief beeindruckt und George betrachtet nun ein Porträt des gleichen Malers in der National Gallery in London. Aber auch der Künstler selbst (seine Anwesenheit ein halbes Jahrtausend nach seinem Tod ist Teil der dichterischen Fiktion) steht vor seinem eigenen Bild, beobachtet das Mädchen und reflektiert über sein Werk und über die Entstehung der drei Fresken im besagten Palazzo Schifanoia. - Für kunstinteressierte Leser ist der Roman ohne Frage interessant und aufschlussreich, jedenfalls ist es kein Allerweltsroman und eventuell anregende Lektüre für ambitionierte Leser. (Übers.: Silvia Morawetz)
Beides sein
Ali Smith
Luchterhand (2016)
319 S.
fest geb.