Familienkörper
Die Mutter der Ich-Erzählerin ist chronisch krank, ebenso wie die Großmutter und die beiden Schwestern. Alle haben immer wieder verschiedene Beschwerden, Krankheiten und Allergien: “Meine Mutter nimmt am Morgen Blutdrucktabletten gegen den Bluthochdruck,
Magenschutztabletten gegen das Sodbrennen, Tabletten gegen die Fettleber und Wassertabletten wegen der Wassereinlagerungen in den Füßen und im Gewebe.” Von den Ärzten werden die Frauen nicht ernstgenommen, ihre Symptome und Beschwerden werden auf psychosomatische Ursachen reduziert. Nur die Ich-Erzählerin wächst gesund im Tirol der 1980er-Jahre mitten unter Kranken auf, die ihr nichts erklären – sie beobachtet bloß. Zwischen die Szenen aus der Kindheit sind politische Ereignisse eingefügt, die auf mögliche Gründe für die Erkrankungen hinweisen, wie Tschernobyl, und persönliche Probleme wie Scheidung und Vergewaltigung. Die Autorin spürt der Geschichte ihrer Familie nach, deren Frauen in drei Generationen von “Medical Gaslighting” betroffen sind, mit schweren gesundheitlichen und psychischen Auswirkungen. Sie versucht, sich von der Familie zu distanzieren, doch lässt sie das Problem, dass Frauen und ihre Körper der Medizin ausgeliefert sind, nicht los: „Ich schreibe die Verletzung aus unserem Familienkörper. Nehme den Schmerz und wandle ihn zu Wörtern”. Pauty macht in ihrem Debütroman sprachlich sehr intensiv darauf aufmerksam, dass die Medizin erst langsam anerkennt, dass Frauenkörper andere Symptome als Männerköper für die gleichen Krankheiten zeigen können. Für anspruchsvolle und entsprechend interessierte Leser:innen geeignet.
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Familienkörper
Michèle Yves Pauty
Haymon Verlag (2025)
207 Seiten
fest geb.