Der Krabbenfischer
Frühmorgens wie zu seines Großvaters Zeiten zieht der 20-jährige Thomas Flett mit seinem Pferdekarren los, um Krabben auf die alte Art zu fischen. Er ist der letzte seiner Art. Die Kälte, die Einsamkeit und die Schufterei haben ihm lange nichts
ausgemacht, doch inzwischen hat er Sehnsüchte entwickelt: Er liebt das Lesen und die Musik und hat sich heimlich eine Gitarre gekauft. Doch er muss weitermachen, um “es seiner Ma recht zu machen” und damit die beiden überleben können, denn Vater und Großvater sind tot. Eines Tages taucht der amerikanische Regisseur Edgar auf und will einen Film drehen mit dem ungewöhnlichen Krabbenfischer, der bei Dunkelheit, Nebel und Kälte ins Watt fährt. Gemeinsam machen sie sich auf und geraten in Lebensgefahr. Doch dann muss Tom erfahren, dass Edgar in Wirklichkeit kriegstraumatisiert ist und vom Filmen nur träumt. Und doch hat die Begegnung mit dem Fremden etwas mit ihm gemacht: Er traut sich, seiner heimlich Geliebten einen selbst komponierten Song vorzuspielen. – Eine wunderbar melancholische Erzählung über das harte und entbehrungsreiche Leben eines jungen Fischers im Rhythmus der Gezeiten, zugleich voller Sehnsucht und Hoffnung auf Veränderung. Die Stärke des Romans liegt in der atmosphärischen Stimmung, in der Beschreibung der Naturgewalten, der rauen Küstenlandschaft, der wechselnden Gezeiten, sowie des Wattenmeeres mit seinen gefährlichen Senklöchern und Nebelbänken. Die Natur ist nicht Kulisse des Romans, sondern spiegelt die innere Zerrissenheit des jungen Krabbenfischers. Sehr empfohlen.
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Der Krabbenfischer
Benjamin Wood ; aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
DuMont (2025)
221 Seiten
fest geb.