Keine Zeit wie diese
Steve und Jabu - er weiß und jüdischer Abstammung, Wissenschaftler, sie schwarz, Juristin - lernten sich im Kampf gegen das Apartheid-Regime kennen und lieben und heirateten heimlich. Nun sind sie in die Mittelschicht aufgestiegen und schicken ihre
beiden Kinder auf eine Privatschule - gegen ihre Überzeugung, aber in dem Wissen, wie wichtig Bildung ist. Der Nachholbedarf der Schwarzen ist enorm. Die Entwicklung im Land entspricht nicht ihren Erwartungen; sie diskutieren viel mit ihren ehemaligen Kampfgefährten über das aktuelle Chaos, über ihren Widerstand gegen den Präsidentschaftskandidaten Jacob Zuma und über eine neue Art von Xenophobie gegenüber den Flüchtlingen aus den Nachbarländern. Steve und Jabu überlegen ernsthaft, ihr Land zu verlassen, das sie für das "ungleichste der Welt" halten, auch nach dem Ende der Apartheid. Die z.T. kontroversen Diskussionen des Ehepaars, deren familiärer Hintergrund nicht unterschiedlicher sein könnte, werden detailliert beschrieben, beeinträchtigen die gegenseitige Liebe und den Respekt füreinander jedoch nicht. - Gordimers Roman ist nicht so sehr spannende Geschichte, als vielmehr nachdenkliche Analyse, denn die Geschichte wird immer wieder unterbrochen von Reflexionen über die politische Situation, über Bildungschancen und über Korruption im neuen System. Geduldige Leser, die sich für die aktuelle gesellschaftliche Situation in Südafrika interessieren, können keine differenziertere Beschreibung finden. (Übers.: Barbara Schaden)
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Keine Zeit wie diese
Nadine Gordimer
Berlin-Verl. (2012)
506 S.
fest geb.