Vatertage
Die Familie Berest lebte seit vielen Generationen in der Bretagne. Erst die Autorin ist in Paris aufgewachsen und kennt die Heimat ihrer Vorfahren nur von regelmäßigen Besuchen in den Ferien. Dazu kommen Erzählungen, die besonderen Charakterzüge
ihrer Großeltern und ihres Vaters und vier Hefte, in denen ihr Großvater seine Erlebnisse festgehalten hatte – große politische Umwälzungen aus Sicht eines bretonischen Lokalpolitikers. In dem Roman verfolgt die Autorin die Spuren ihrer Vorfahren, einst Gemüsebauer mit Hang zur Rebellion gegen Ungerechtigkeiten. Diese Neigung zieht sich durch die nächsten Jahre – Kriege, Besatzung, Demokratisierung und Studentenrevolten. Auch hier verflicht die Autorin Persönliches und Politisches, was beide Aspekte dem Leser besonders nahebringt. Am Ende überwiegen ihr persönliches Erleben, ihre Abkehr von den Idealen ihrer Eltern. Die waren überzeugte Antikapitalisten und der Gleichwertigkeit aller Menschen verpflichtet. Auch sie trägt den Keim der Rebellion in sich, der sich bei ihr als Kind im drängenden Wunsch nach einer Barbie-Puppe ausbricht, einem für ihre Eltern Sinnbild konsumorientiertem Kapitalismus. Die Zeitgeschichte aus Sicht persönlich Betroffener, Objektivität gepaart mit subjektivem Erleben, dazu noch gekonnt erzählt macht den besonderen Charme dieses Buches aus.
Lotte Schüler
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Vatertage
Anne Berest ; aus dem Französischen von Amelie Thoma und [einer weiteren]
Berlin Verlag (2026)
446 Seiten
fest geb.