Schafe schubsen

Tilda (15) verbringt die Ferien zusammen mit ihrer Oma Renate in den schottischen Highlands. Ihre Oma ist eher unkonventionell, brettert unbeeindruckt im Mietauto im Linksverkehr über die Straßen (in ihrem Tempo), trinkt bei der Whiskyprobe in unguter Schafe schubsen Schnelligkeit das ein oder andere Glas und wenn sie sich in den Kopf gesetzt hat einen Ort zu erreichen, zieht sie das durch, notfalls auch auf allen vieren. Tilda bemerkt zu Recht, dass sich hier manchmal die Rollen verschoben haben und sie mehr auf ihre Oma aufpassen muss als umgekehrt. Aber was heißt das überhaupt, eine Rolle haben? Wählt sich frau die selbst? Wer und wie möchte Tilda selbst sein? Und was kann es bedeuten Familiengeschichte in sich zu tragen? Zumal die, über die nicht gesprochen wird. – Das Besondere an Jutta Nymphius' Jugendbuch ist, dass sie kapitelweise die Erzählperspektive wechselt. Mal lesen wir Tildas Sicht der Dinge und Ereignisse, mal die von Renate. Mit den entsprechenden Zeitsprüngen in die Vergangenheit erfahren Lesende viel früher als Oma oder Enkelin es aussprechen von Ereignissen und Beziehungen, die großen Einfluss auf ihr Leben hatten und haben. Renate erinnert sich an ihre Jugend, an Aufwachsen im Nachkriegsdeutschland, einen harten Vater und eine geschwächte Mutter, eine großartige, unangepasste Freundin. Leider auch an sexuelle Gewalterfahrungen. Tilda wiederum an ihre Reise in ein Feriencamp, das sie frühzeitig verlassen hat. An einen vermeintlich charmanten französischen Campteilnehmer und ihre Leidenschaft für das Zeichnen, an ein Erlebnis mit einem Mädchen und dessen Frage nach Tildas Mutter. Die hat Tilda und ihren Vater nämlich ziemlich rasch nach Tildas Geburt verlassen ... – Nymphius erzählt humorvoll und pointiert von einer großartigen Annäherung zwischen Oma und Enkelin, aber vor allen Dingen auch an eine Annäherung an sich selbst. Beide erleben durch die Reise und durch die Offenheit gegenüber der anderen Erleichterung, Trost und Klarheit. Verletzungen machen Verhalten verständlich. Das Tilda hier die treibende Kraft ist und queere Liebe etwas Selbstverständliches hat und haben kann, macht stark. Männliche Übergriffigkeit, egal zu welchem Zeitpunkt, indes wütend. Aufgrund der wechselnden Perspektiven bestens für unterschiedliche Altersstufen geeignet. Miteinander voneinander lernen, sich menschlich zeigen und eigene Perspektiven für den Lebensweg überlegen. Zu jeder Zeit möglich. Sehr gerne empfohlen.

Anna Winkler-Benders

Anna Winkler-Benders

rezensiert für den Borromäusverein.

Schafe schubsen

Schafe schubsen

Jutta Nymphius
Tulipan Verlag (2026)

215 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 626231
ISBN 978-3-86429-712-0
9783864297120
ca. 17,00 € Preis ohne Gewähr

Borromäus-Altersempfehlung: ab 14
Systematik: J
Diesen Titel bei der ekz kaufen.