Immer Meer
Laut Hans Magnus Enzensberger gibt es mehr Lyrikschreiber als Lyrikleser. Die Frage, wer alle die Gedichte lesen soll, die publiziert werden, ist daher berechtigt. Die Lyrikedition 2000 beantwortet sie mit Lyrik von Dichtern, die weniger bekannt sind.
Renate Schoofs Gedichte sind eingängig und bildreich, aber auch traditionell im Gestus, formal mutlos und wenig originell im poetischen Einfall. Dass die Natur etwas über den Menschen sagt, welche Rolle Licht und Schatten für die lyrische Wahrnehmung spielen - all das ist schon anderswo und besser formuliert worden. Man liest schnell, ja zu schnell hinweg über die Verse, wenig bleibt haften, und das liegt auch an der kunstlosen Art der Darbietung, die nur rhythmisch und strophisch arbeitet, aber nicht prosodisch und metrisch. Selten gelingen Gedichte wie "Ewiges Leben": Da schenkt eine "schöne Göttin" einem Sterblichen ewiges Leben, weil sie sich "unsterblich verliebt" hat. Aber sie vergisst, ihm ewige Jugend zu geben. Dumm gelaufen. Darum wird der Greis in eine Zikade verwandelt. Das Gedicht endet mit dem Staunen über das "Geschrei der vielen / verlassenen Greise". Darüber kann man nachdenken, auch ironisch: warum vergessen Götter, wenn sie etwas zu vergeben haben, die Zeit? Ein munterer Mythenmix in einem ansonsten eher blassen Lyrikband, das ist zu wenig, insofern nicht empfehlenswert.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Immer Meer
Renate Schoof
Allitera-Verl. (2016)
Lyrikedition 2000
112 S.
kt.