Die Frau mit den 3 Händen
Jessica, neun Jahre alt, ist die Tochter eines Künstlerpaares am Stuttgarter Staatstheater; der Vater Opernsänger und als ehemaliger Frontsoldat an den Nachwehen des Krieges früh verstorben, die Mutter Schauspielerin, die sich jetzt nach dem Krieg
als freie Sprecherin im Funkhaus mühsam von Angebot zu Angebot hangelt. Jessica bekommt dank ihrer guten Stimme seit Jahren auch immer wieder Sprechrollen, wird daneben von einer alten Lehrerin unterrichtet - für jüngere Kinder ist noch keine ausreichende Beschulung möglich - und verbringt ihre Tage oft allein in ihrer Phantasiewelt inmitten von erdachten Abenteuern oder Erinnerungen an die lebendigen "Schwestern" auf dem Bauernhof der lieben Oma im fernen Norddeutschland. Ein aufgewecktes Kind, das genau hinhört und sich seine Gedanken macht - in der Nazizeit gefährlich und auch danach unbeliebt -, seine Meinung äußert und durch sein komödiantisches Talent sogar für eine Nebenrolle als "Puck" im Sommernachtstraum möglich scheint. Bis ein absichtlich herbeigeführter schwerer Unfall auf der Probenbühne einerseits die auch hier wieder erstarkten intriganten Seilschaften aufzeigt, andererseits in Jessicas Leben eine wunderbare Wendung herbeiführt; sie lernt im Krankenhaus eine richtige Freundin kennen, mit der sie dann endlich gemeinsam eine Internatsschule besuchen und Kind unter Kindern sein darf. Neben dem Miterleben dieser z.T. verstörenden Nachkriegskindheit auch ein eindrückliches Bild vom Aufeinanderprallen von "Täter"- und "Opfer"-Seiten der bundesrepublikanischen Gesellschaft.
Elisabeth Bachthaler
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Frau mit den 3 Händen
Felicitas Andresen
8 grad Verlag (2024)
115 Seiten
fest geb.