Der Morgen gehört uns
Im Rückblick berichtet der inzwischen geläuterte Ettore, wie er sich als Junge zu Beginn der 2000er-Jahre von einer neo-faschistischen Gruppe angezogen gefühlt hatte. In der Schule in einem Mailänder Vorort fühlt er sich ausgegrenzt, hat keine
Freunde und sucht nach einer größeren Idee, nach Ordnung, nach einer “Welt der Klarheit, ganz ohne Zweifel und Ängste”. Es beginnt mit einer Faszination für im Unterricht gesehene Filme über Mussolini. Im Gymnasium fühlt er sich verloren und “wartete darauf, dass einer meinen Namen rief … und mir erklärte, was ich tun sollte”. Da lernt er Giulio kennen, der ihn in seine “Federazione” einlädt, eine faschistische Jugendgruppe. Endlich fühlt er sich zugehörig, wenn auch unzulänglich, da er politisch ahnungslos ist. Mehr und mehr begeistert er sich für die Aktionen der Gruppe und fängt in seinem Wunsch nach Gerechtigkeit an, zu recherchieren über politische Märtyrer wie Jan Palach, den er so sehr bewundert, dass er beschließt, militant zu werden. Zugleich will er “auf der Seite der Guten stehen.” Als er mit Giulio in eine Schlägerei mit Kommunisten gerät, fühlt er sich voller Energie, “wie auf Drogen”. Gewalt fasziniert ihn immer mehr. Und doch fragt er sich gelegentlich, warum er sich “beschissen” fühlt in einer Kameradschaft, die für ihn ein Zuhause sein soll. Als sein Freund Gabriele zusammengeschlagen wird, will er ihn rächen und verletzt in seiner Wut den Angreifer mit einem Messer schwer. Der Schock und die anschließende Bestrafung rütteln ihn auf. Der Autor fragt sich, warum man Faschist wird, wenn man so jung und “alles in Ordnung ist”. Für ihn war es wohl “eine Frage der Ästhetik – und vor allem der Identität”. Der italienische Originaltitel “Die falsche Seite” trifft das Thema besser. Ein berührendes und nachdenklich machendes Buch, sehr empfohlen.
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Der Morgen gehört uns
Davide Coppo ; aus dem Italienischen von Jan Schönherr
Kjona Verlag GmbH (2024)
237 Seiten
fest geb.